📖 Rezension zu: „Kollisionen“ von Florian Scheibe

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Dieses Werk lĂ€sst mich zwiegespalten zurĂŒck…

Die gut verdienende Architektin Carina vermag nicht mehr rechtzeitig zu bremsen, als ihr die sechzehnjĂ€hrige Mona unerwarteter Weise vor das Fahrrad lĂ€uft. Auf ihre Versuche, sie anzusprechen, reagiert der Teenager ebenso wenig, wie auf ihr immer energischer werdendes Anstupsen. Doch irgendwann bemerkt Carina den Grund fĂŒr das merkwĂŒrdige Verhalten des ihr unbekannten MĂ€dchens: Offensichtlich steht sie unter dem starken Einfluss von Drogen. Nach dieser Feststellung steigert sich ihre Wut jedoch noch weiter, als sie auf die leichte Wölbung des Bauches aufmerksam wird.
Wieso wird ein obdachloser, jugendlicher Junkie schwanger, wĂ€hrend sie zusammen mit ihrem LebensgefĂ€hrten Tom verzweifelt versucht, eine Familie zu grĂŒnden? Diese Ungerechtigkeit ist Carina unbegreiflich.
Und so fasst sie den Entschluss, dass Tom und sie sich untersuchen lassen sollen – lĂ€nger möchte sie auf ein eigenes Kind nicht warten mĂŒssen. Nach den nicht ganz so rosig ausfallenden Untersuchungen entscheiden sich die beiden fĂŒr eine Kinderwunschbehandlung.
WĂ€hrend das gut gestellte Paar mit aller Kraft versucht, ein Kind zu bekommen, ist Mona, die, von der KĂ€lte in ihrem reichen Elternhaus aus der Bahn geworfen, auf der Straße lebt, Drogen nimmt, ungewollt schwanger geworden.
Es folgen weitere Kollisionen, welche dazu beitragen, dass sich Toms, Carinas und Monas Leben immer weiter verstricken, obwohl sich die LebensentwĂŒrfe der drei zunehmend verĂ€ndern.

Nachdem ich den Klappentext gelesen hatte, war ich auf das Buch sehr gespannt. Zum einen denke ich, dass das Thema des unerfĂŒllten Kinderwunsches sehr viel Potential bietet und Raum fĂŒr einen bewegenden Roman schafft und zum Anderen war ich der Überzeugung, dass die verschiedenen aufeinanderprallenden Lebenswelten zahlreiche weitere Möglichkeiten bieten, Kontraste darzustellen oder die Charaktere eine (Weiter-)Entwicklung durchlaufen zu lassen.
Als ich dann mit dem Buch begann, konnte ich bereits nach wenigen SĂ€tzen in die ErzĂ€hlung abtauchen. Der hĂ€ufig bildhafte Schreibstil ermöglicht ein lockeres Lesen, sodass man bereits nach kurzer Zeit die 337 Seiten durch hat. Aufgebrochen wird dieses unbeschwerte Lesen meines Erachtens durch die stĂ€ndigen Perspektivwechsel, denn sowohl Mona als auch Carina und Tom berichten aus ihrem Leben. Dabei geschieht Beschriebenes manchmal nacheinander, immerzu jedoch auch zur selben Zeit. DarĂŒber hinaus weiß man nicht, aus welcher Perspektive gerade geschrieben wird, was bei mir des öfteren zu Verwirrung fĂŒhrte.
Sobald allerdings eindeutig wurde, um welchen Charakter und um welche Zeit es sich handelt, wurde der Abschnitt fĂŒr mich wieder spannend. Da die unterschiedlichen Figuren eine individuelle Sicht auf die Welt haben, konnte man sich so ein besseres Bild von den Protagonisten machen und die Unterschiede in ihrem Leben besser erkennen.
Allerdings stellt mich die Figurengestaltung vor ein weiteres Problem: Auch wenn ich die Wut von Tom und Carina ĂŒber den unerfĂŒllten Kinderwunsch, auch aufgrund der meist in diese Richtung gehenden Beschreibungen, gut nachvollziehen konnte, wirkten weder ihr Verhalten noch ihre GefĂŒhle so richtig stimmig auf mich. Denn sie verspĂŒren keineswegs nur Wut, sondern ihr Zorn schlĂ€gt sich immer wieder sogar in aggressivem, ja sogar gewalttĂ€tigem, Verhalten wider. FĂŒr dieses gibt es aus meiner Sicht jedoch nie einen wirklichen Grund – keinen Auslöser, welcher ein solches Benehmen rechtfertigen wĂŒrde.
DarĂŒber hinaus verliert sich ihre AuthentizitĂ€t beim ZurĂŒckgreifen auf eine Vielzahl von Vorurteilen: Das glĂŒckliche Paar, welches bemerkt, dass es neben der Karriere auch noch etwas anderes, vielleicht sogar wichtigeres, gibt. Der LebensgefĂ€hrte, der, von dem unerfĂŒllten Kinderwunsch und der entwĂŒrdigenden Diagnose bezĂŒglich seiner ZeugungsfĂ€higkeit, deprimiert, sich in eine AffĂ€re mit einer jungen Kollegin stĂŒrtzt – und dann inflagranti von seiner Freundin erwischt wird. Die Liste könnte man noch ein ganzes StĂŒck fortsetzten, darauf verzichte ich an dieser Stelle jedoch. Treten solche Klischees vereinzelt auf, ist das fĂŒr mich keineswegs ein Störfaktor, hĂ€ufen sie sich allerdings, verstĂ€rkt sich das GefĂŒhl, etwas Konstruiertes zu lesen.
Des Weiteren waren mir sowohl Tom als auch Carina nach einer Weile des Lesens recht unsympathisch. Konnten mich ihre Verzweiflung und ihr Wunsch nach einem Kind am Anfang noch berĂŒhren, wurden sie mir irgendwann immer fremder und unverstĂ€ndlicher. Mir wurde zunehmend die karrierebezogene und auf eine gewisse Art unehrliche Weise der beiden zu prĂ€sent.
Mona hingegen, die zu Beginn als Junkie auftritt, der bereits im Jugendalter verloren zu haben scheint, gewinnt Seite um Seite. So weiß sie beispielsweise um den Vater, kann ihm davon erzĂ€hlen und sich Gedanken zu ihrer (vielleicht gemeinsamen) Familie machen. Dabei entwickelt sie sich StĂŒck fĂŒr StĂŒck zu einer jungen Frau.

So sind die Charaktere durchaus unterschiedlich und wandeln sich auch, aber jeder auf seine Art und keineswegs immer zum Besseren. Manche Handlungen erscheinen mir wie Trotzreaktionen, andere sind mir einfach so unverstĂ€ndlich, wiederum andere hingegen wirken stimmig auf mich. Der Schreibstil ist ansprechend und die ErzĂ€hlweise bewirkt, dass die Seiten nur so fliegen. Die vielen Kollisionen wirken gekĂŒnzelt, da zwischendurch einfach zu dick aufgetragen wird.

Insgesamt lĂ€sst mich „Kollisionen“ zwiegespalten zurĂŒck, sodass ich auch fĂŒr meine Bewertung genau die Mitte, also 2,5 Sterne, wĂ€hle.

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