📖 Rezension zu: „Die Autobiographie“ von Agatha Christie

9783455000528

Ganz famos!

„Eigentlich sollte ich einen Krimi schreiben, doch der natĂŒrliche Drang des Schriftstellers, alles zu Papier zu bringen, nicht nur das, was er sollte, erweckt ganz unerwartet in mir das Verlangen, meine Autobiografie zu schreiben. Dieses Verlangen, so wurde mir versichert, ĂŒberkommt frĂŒher oder spĂ€ter jeden. Jetzt hat es plötzlich mich ĂŒberkommen.“ (S.13)
Zu Lebzeiten war die Queen of Crime immer sehr öffentlichkeitsscheu, weswegen man ĂŒber die Presse wenig ĂŒber ihr Privatleben erfahren konnte. Erst ein Jahr nach ihrem Tod, wurde ihre Autobiografie veröffentlicht und zeigt sehr detailliert und wunderbar ansprechend geschrieben ein ganzes Leben auf. Man begleitet Agatha Christie auf StreifzĂŒgen durch ihre Kindheit, erfĂ€hrt vieles ĂŒber ihre Jugend und ihr Erwachsenenalter – auch wenn ihr rĂ€tselhaftes Verschwinden nicht thematisiert wird.
StĂŒck fĂŒr StĂŒck konnte ich mir ein besseres Bild von der berĂŒhmten Kriminalautorin machen und war sehr angetan von der Möglichkeit, ihre Entwicklung miterleben zu dĂŒrfen. Man ist hautnah dabei wenn sie grĂ¶ĂŸer wird und die PuppenhĂ€user echten Immobilien weichen.
„Ich sehe jetzt ganz klar, dass ich noch immer nicht aufgehört habe, mit HĂ€usern zu spielen. Ich habe unzĂ€hlige HĂ€user besucht, gekauft, getauscht, eingerichtet, ausgestattet und baulich verĂ€ndern lassen. HĂ€user! Gott segne die HĂ€user!“ (S.73)

AuffĂ€llig ist, dass die ErzĂ€hlung immer wieder in Zeit, Ort und Thema springt, was daran liegt, dass die Autorin gerade einen geeigneten Punkt erreicht hat, um eine BrĂŒcke zu schlagen. Da Agatha Christie ihre Autobiografie gesprochen und ĂŒber Tonaufnahmen (leider nur grĂ¶ĂŸtenteils dauerhaft) festgehalten hat, liest sich ihr Buch so, als wĂŒrde sie vor einem lodernden Kamin sitzen und aus ihrem Leben erzĂ€hlen.
Ich habe mich daher bei der LektĂŒre sehr wohl gefĂŒhlt und empfand eine sehr angenehme, vertraute AtmosphĂ€re beim Lesen. Die Autorin wirkt so authentisch und offen und erzĂ€hlt von derart vielen Erlebnissen, dass es mich schwer beeindruckte.
„Der Gedanke mutet seltsam an, aber wir erkennen erst dann, dass wir einen Menschen wirklich lieben, wenn er lĂ€cherlich aussieht.“ (S.74)
Immer wieder lĂ€sst die Schöpferin von Poirot und Miss Marple kleine Erkenntnisse, vielleicht sogar Lebensphilosophien und -weisheiten, einfließen, was erneut sehr viel Vertrautheit spĂŒren lĂ€sst. Außerdem konnte ich ĂŒber viele Aussagen eine ganze Weile nachdenken und war beeindruckt, sie von jemandem mit einem derart bewegten Leben hören – beziehungsweise lesen – zu dĂŒrfen.
Was mich darĂŒber hinaus stark fasziniert hat , war, dass man zahlreiche Parallelen zwischen den unglaublich vielen Reisen der Queen of Crime und den Handlungsorten ihrer Kriminalromane entdecken konnte. Überhaupt hat mich beeindruckt, wie viel Agatha Christie von der Welt gesehen hat.
„“Es liegt mir nicht, Informationen aus der Hand zu geben.“ (…) Wenn sie mir nicht relevant oder interessant erschienen, steckte ich alle Informationsschnitzel weg, die mir zugetragen wurden, heftete sie sozusagen in einen Ordner in meinem kopf ein – fĂŒr die ĂŒbrigen Mitglieder meiner Familie, die allesamt extravertierte Plaudertaschen waren, eine unverstĂ€ndliche Gepflogenheit.“ (S.125)
„Zweifellos war ich ein langweiliges Kind mit den besten Aussichten, die Sorte von Mensch zu werden, die sich besonders schwer in eine Gesellschaft einbeziehen lĂ€sst.“ (S.125)
Das Buch zeigt den Menschen hinter dem Mythos. Äußerst interessant war fĂŒr mich zu lesen, welche ihrer Werke der Queen of Crime mehr, und welche weniger, zusagten – denn diese EinschĂ€tzungen gehen mit der weitlĂ€ufigen Lesermeinung nicht unbedingt einher.
SelbstverstĂ€ndlich gibt es auf den 640 Seiten eine ganz schöne Menge an Informationen, weswegen ich mir die LektĂŒre offen gestanden etwas einteilen musste. HĂ€tte ich versucht, die Autobiografie mehr oder weniger an einem StĂŒck zu lesen, so hĂ€tte ich die Anekdoten nicht ausreichend zu schĂ€tzen gewusst oder gar nicht erst richtig wahrgenommen. Wohl dosiert und in mal kleineren, mal grĂ¶ĂŸeren HĂ€ppchen ist dieses Werk jedoch wahrlich ein Genuss.

Ich bin sehr froh, dieses mĂ€chtige, spannende, faszinierende und beeindruckende Werk gelesen zu haben und kann es jedem Leser Agatha Christies Kriminalromane nur wĂ€rmstens ans Herz legen. Man erfĂ€hrt Ă€ußerst viel zu ihrem Leben und Wirken, den gesellschaftlichen und zeitlichen UmstĂ€nden sowie zu ihren Einstellungen und Erkenntnissen.

Von mir gibt es wohl verdiente 5 Sterne

5-Sterne

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