📖 Rezension zu: „Wer nicht schreibt, bleibt dumm“ von Maria-Anna Schulze BrĂŒning und Stephan Clauss

Wer nicht schreibt, bleibt dumm

FĂŒr mein Empfinden eine PflichtlektĂŒre, die schon lĂ€ngst ĂŒberfĂ€llig ist!

Das muss man sich erst einmal vor Augen fĂŒhren: „Jedes sechste Kind kann nicht richtig schreiben“. Ein mir unvorstellbar hoher Anteil der SchĂŒler leidet unter diesem Problem, das nicht nur ein „Ă€sthetisches Manko“ (S. 50) ist. Schließlich sichert das Schreiben als Kulturtechnik schon so lange die Weitergabe und das Vermitteltbekommen von Wissen. daher bedeutet eine mangelnde Schriftkompetenz ein fehlendes Fundament des Lernens – fĂŒr die betroffenen SchĂŒler ist es in soweit eine Katastrophe, als dass Hausaufgaben und Mitschriften zur Belastung werden.
TatsĂ€chlich sollte, so die Autorin, Handschrift als Werkzeug dienen und darf deswegen keine UmstĂ€nde machen, sondern sollte nebenbei geschehen, damit man sich auf den Inhalt konzentrieren kann. Wird dieses Werkzeug jedoch nicht hinreichend beherrscht, kann diese mangelhaft ausgebildete FĂ€higkeit im Zweifelsfall „aus einem normal begabten SchĂŒler einen Schulversager machen“. (S.50)
Erstaunlicherweise sind alle sozialen Schichten und Lernniveaus betroffen, weswegen sich diese erschreckende Tendenz auch an allen Schulformen – zum Beispiel ebenfalls an Gymnasien – gleichermaßen erkennen lĂ€sst.
So sucht die Autorin unter Anderem nach den tieferen Ursachen, welche beispielsweise in einer Neubewertung der Bedeutung dieser Kulturtechnik liegen, da in Zeiten der Medien die Notwendigkeit der Handschrift in Frage gestellt wird. Somit wird ihr ein neuer Stellenwert im bildungspolitischen Gesamtkonzept zuteil – mit verheerenden Folgen, wie man merkt.
Zudem ist ein Problem, welches aus dem gerade Genannten ergibt, dass die Kinder sich die Handschrift grĂ¶ĂŸtenteils – ebenso wie die korrekte Rechtschreibung mehr oder weniger eigenstĂ€ndig aneignen sollen. Dies kann nur zu MisstĂ€nden anstelle von der vielfach angepriesenen SelbststĂ€ndigkeit fĂŒhren, da die Kinder bei diesem komplexen Gebilde unterstĂŒtzt und angeleitet sowie Fehler korrigiert werden mĂŒssen.
Somit liegt das Problem also definitiv nicht in einem motorischen Unvermögen und könnte so leicht umgangen werden…
In Grundschulen wird hĂ€ufig lediglich die Druckschrift gelehrt – schließlich haben viele SchĂŒler Schwierigkeiten mit der verbundenen Schreibschrift gehabt. Anstatt an der Wissensvermittlung zu arbeiten und den Schreibunterricht zu verbessern – und aus Erfahrung als Lehrerin weiß Maria-Anna Schulze BrĂŒning, dass bis auf wenige Ausnahmen jeder SchĂŒler, möge seine Schrift noch so unleserlich sein, gerne Schreibunterricht erhĂ€lt – vereinfacht man alles. Nur ist diese Vereinfachung keine Entlastung, sondern bloß ein Ver- und Aufschieben des Problems. Im Grundschulalter sollte der Grundstein fĂŒr eine adĂ€quate Handschrift gelegt werden, da mit fortschreitendem Alter und damit verbundener Übung der angeeigneten Handschrift, die AblĂ€ufe beim Schreiben automatisiert wurden und daher immer schwieriger zu korrigieren sind.
Da die Kinder mit dem Erlernen der Handschrift meist auf sich allein gestellt sind, malen sie Buchstaben hĂ€ufig anstatt sie zu schreiben. So Ă€hnelt ein a nun einmal einem Kreis mit einem Strich und wird genauso zu Papier gebracht. TatsĂ€chlich sieht ein solches a nicht nur anders aus, sondern ist im Schreibfluss noch dazu viel hemmender als die ĂŒber lange Zeit optimierte und weitergegebene Art, es zu schreiben.
Aufgrund der Tatsache, dass dieses Problem nicht erst seit Kurzem besteht, befinden sich mittlerweile bereits Lehrer an den Schulen, die selbst kaum noch per Hand schreiben. So kann der Teufelskreis immer weiter angeheitzt werden.
Eine weitere Schwierigkeit ist die Vielzahl verschiedener Schriftarten, welche erlernt werden können. Die Entscheidung, welche man den SchĂŒlern vermittelt, wenn man sich als Grundschule ĂŒberhaupt dazu entscheidet Schreibschrift zu lehren, ist enorm und verwirrend.
Und so entlarvt das Autorenpaar immer mehr Problempunkte bei denen man ansetzen könnte und dringend mĂŒsste. Nur ĂŒber Schrift, so lĂ€sst ein Blick in die Geschichte zu Beginn des Buches erkennen, ermöglicht kognitiven Fortschritt und eine Weitergabe von Kultur und Wissen.

Die Autoren behandeln eine Vielzahl von Themengebieten und Schulze BrĂŒning lĂ€sst zahlreiche zum Teil selbst durchgefĂŒhrte Erhebungen mit einfließen sowie einiges an Fachliteratur – ĂŒber die Bedeutung, Entstehung sowie Entwicklung der Schrift, vom Recht- und Schlechtschreiben ĂŒber hĂ€ufige Fehler beim Schreiben (bestimmter Buchstaben) bis hin zu AnsĂ€tzen um die Handschrift angemessen zu vermitteln. Des Weiteren werden Bereiche wie die Entwicklungspsychologie ebenfalls ins Blickfeld gerĂŒckt.
Sehr gut ist meines Erachtens auch das Kapitel „Wie können Lehrer und Eltern Kinder beim Verbessern der Handschrift unterstĂŒtzen?“, da es konkrete Handlungsmöglichkeiten bietet und damit schon lĂ€ngst ĂŒberfĂ€llig ist.
DarĂŒber hinaus wird eine SchĂŒlerbefragung zum Ende des Buches dargelegt: Wie wichtig ist die Handschrift? Welche Bedeutung hat sie? Sollte man sie ĂŒberhaupt noch unterrichten? Äußerst spannend ist, dass lediglich etwa 30% der Befragten pĂ€dagogische GrĂŒnde fĂŒr den großen Stellenwert der Handschrift anfĂŒhrten – die restlichen BegrĂŒndungen sind Ă€ußerst vielseiteig. Einen sehr schönen Aspekt, finde ich, stellt die BegrĂŒndung dar, die Handschrift zĂ€hle zu der, bilde und zeige die Persönlichkeit.

Aus meiner Grundschulzeit kenne ich selbst das Schreiben mit der Anlauttabelle. Unsere Lehrerin vertrat – wie offenbar erschreckend viele Lehrer auch – die Auffassung, die SchĂŒler könnten sich die Rechtschreibung problemlos, schnell und sehr effizient selbst beibringen. Nur korrigieren dĂŒrfe man die von den Kindern selbst ausgewĂ€hlte richtige Schreibweise nicht, da dies dem Prozess des Erlernens der Handschrift nicht nur nicht förderlich sei, sondern ihm sogar noch schade.
Zum GlĂŒck haben meine Eltern von dem „Lesen durch Schreiben“ nicht sonderlich viel gehalten und mich bei der Rechtschreibung angeleitet anstatt mich, wie andere Eltern aus der Klasse, mit Hinlfestellungen wie „E wie Esel“ der Anlauttabelle alleine zu lassen. Meiner Handschrift- und Rechtschreibentwicklung hat dies sicherlich nicht geschadet; wenn ich mir jedoch vor Augen fĂŒhre, dass jeder sechste SchĂŒler nicht richtig schreiben kann und daran denke, welche Schwierigkeiten MitschĂŒler auch noch in der Oberstufe beim Schreiben hatten, gibt mir das zu denken…

Meiner Meinung nach ist „Wer nicht schreibt, bleibt dumm“ ein lĂ€ngst ĂŒberfĂ€lliges Werk, welches hoffentlich viel gelesen wird und zahlreiche Menschen wachrĂŒttelt – denn eines ist klar: So, wie es zur Zeit lĂ€uft, darf es nicht weitergehen.

Ich vergebe volle 5 Sterne fĂŒr dieses Werk!

5-Sterne

Hier geht es zur Buchseite -> klick

und hier gelangt ihr zur Verlagsseite -> klick

Advertisements

Ein Gedanke zu “📖 Rezension zu: „Wer nicht schreibt, bleibt dumm“ von Maria-Anna Schulze BrĂŒning und Stephan Clauss

  1. Halli hallo,

    ich habe das Buch nicht gelesen, kann mich dem Inhalt entsprechend der Rezension jedoch anschließen. Mein Großer, inzwischen 20, hat in der Grundschule die Druckschrift gelernt und konnte sich dann nur noch eine „Sauklaue“ aneignen, die selbst er teilweise dann nicht mehr lesen konnte.

    Ich selbst merke, wenn ich mehr mit der Tastatur als mit den Stift schreibe, ich meine eigene Handschrift verliere und gerade beim mit-der-Hand-schreiben kann man sich wirklich viele Dinge besser einprÀgen (Einkaufszettel etc.)

    Ich hoffe, dass man bei den PĂ€dagogen irgendwann umdenkt.

    Liebe GrĂŒĂŸe, Elke.

    GefÀllt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ă„ndern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ă„ndern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ă„ndern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ă„ndern )

Verbinde mit %s