📖 Rezension zu: „Anschlag von rechts“ von Reiner Engelmann

https://www.randomhouse.de/content/edition/covervoila_hires/Engelmann_RAnschlag_von_rechts_172165.jpg

Ein wichtiges Werk!

Lauter Rechtsrock dröhnt, es wird mitgegröhlt und reichlich Alkohol fließt. Immer spĂ€ter wird es, wĂ€hrend eine Flasche nach der anderen geleert wird und sich die Freunde in Rage reden. Über die inkompetenten Politiker, die der FlĂŒchtlingsschwemme nicht Herr werden. DarĂŒber, dass dies unter einem starken FĂŒhrer nicht passiert wĂ€re. DarĂŒber, dass jetzt auch in dieser Kleinstadt P. eine FlĂŒchtlingsunterkunft entstanden ist. Dass die FlĂŒchtlinge quasi gratis in einer eigenen Wohnung leben dĂŒrfen, wĂ€hrend man selbst bei der eigenen schwierigen (finanziellen) Situation nicht unterstĂŒtzt wird. Und das, obwohl man doch hier gebĂŒrtig ist.
Weitere Lieder von Landser und Störkraft laufen und heitzen Stimmung weiter an. Man mĂŒsste doch etwas unternehmen; ein Zeichen setzen. Damit die wissen, dass sie hier nicht willkommen sind. Bald schon werkeln zwei vollkommen Betrunkene an einem Molotov-Cocktail. Danach, nun, da er schon so schön fertig ist, soll er auch zum Einsatz kommen.
Robert erklĂ€rt Beate, sie solle Matze und ihn zu der FlĂŒchtlingsunterkunft bringen. Diese folgt – Robert widerspricht man einfach nicht. Unter Alkoholeinfluss schon gar nicht. Und außerdem ist ja auch sie besorgte Mutter und blickt der FlĂŒchtlingswelle mit Schrecken und Entsetzen entgegen.
Kurze Zeit spĂ€ter brennt das Haus in P. und nur durch großes GlĂŒck kommt dabei niemand zu Schaden; zumindest körperlich nicht…

Das Buch gliedert sich nachdem die Vorboten geschildert wurden in drei Teile: „Flucht aus…“, „Die Tat“ sowie „Im Namen des Volkes“. So begleitet der Leser zunĂ€chst die FlĂŒchtlinge aus Afghanistan, Somalia, Syrien, Pakistan und Simbabwe auf ihrem schweren Weg nach Deutschland, den sie sich zuvor auch so nicht ausgemalt hatten. Bei ihnen handelt es sich um die Opfer des im Vordergrund stehenden Anschlags.
Danach wird die Tat an sich geschildert, wobei bereits das Treffen auf ein Feierabendbier der drei Freunde sehr unter die Haut geht. Nicht zuletzt aufgrund der Zitate aus dem dort gespielten Rechtsrock. Mir persönlich fiel es unbeschreibbar schwer, zu glauben, dass tatsĂ€chlich solche Lieder gehört und derartige Texte mitgesungen werden. Es ist mir unbegreiflich, dass sich Bands mit StĂŒcken wie „Hura, das Asylheim brennt“ eines gar nicht mal so kleinen Hörerkreises erfreuen. Songtextpassagen, in denen der Rassenkampf und rechte Gewalt verherrlicht werden und zu AnschlĂ€gen aufgerufen wird, waren fĂŒr mich wie Hiebe in die Magengegend. Da mir etwas solches derart fern ist und es sich hierbei auch um Gebiete handelt, ĂŒber die man sich sonst gut informieren könnte und möchte, hĂ€tte ich davon sogar gerne noch mehr AuszĂŒge in dem Buch gelesen. FĂŒr mich war das eine ganz neue Welt…
Der letzte Teil befasst sich dann mit den Gerichtsverhandlungen – bedenkt man, dass im Jahr 2015 von 222 begangenen AnschlĂ€gen auf FlĂŒchtlingsunterkĂŒnfte 169 ohne Ermittlungserfolg blieben, in 41 FĂ€llen TatverdĂ€chtige ermittelt, in acht FĂ€llen Anklage erhoben und in lediglich vier FĂ€llen Urteile gesprochen worden sind, ist dies mehr als alamierend.
Im Anhang findet sich ein ausfĂŒhrliches Glossar zu Symbolen, GrĂŒĂŸen, Kleidungsmarken, Musik und AbkĂŒrzungen, die der rechten Szene zugeordnet und teilweise sogar verboten sind. Dabei muss ich gestehen, dass ich bei einigen Symbolen und Zahlencodes doch ĂŒberrascht war, dass dieses Symbol auch in dieser Art interpretiert werden kann. Die Triskele beispielsweise wĂŒrde ich als harmloses Symbol der keltischen Mythologie deuten. Bei ihr fallen mir eher Dreifaltigkeit, und Kombinationen wie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft oder Körper, Seele, Geist ein anstatt dass ich mich an ein „dreiarmiges Hakenkreuz“ (S.173) denken wĂŒrde. Als Irland-Freund war dieses Symbol fĂŒr mich immer positiv konnotiert – sowohl optisch als auch von der mir gelĂ€ufigen Bedeutung. Daher stellt sich mir die Frage, ob fĂŒr das Buch nicht so ziemlich jedes mögliche Symbol gesucht und aufgelistet worden ist, auch wenn es nicht gĂ€nzlich in die rechte Szene gehört.
Bei den Zahlencodes geht es mir Ă€hnlich: Einige, wie 18 oder 88, kennt man zwangslĂ€ufig und kann sie auch selber in die rechte Szene einordnen. Dass auch 28, 74, 124, 444, 1919 (meine erste Assoziation war nicht SS, sondern ging vielmehr in Richtung der Ermordung Luxemburgs und Liebknechts oder die der demokratisch-parlamentarischen Verfassung…), 146 und weitere auf diese Art behaftet sind, war mir meist neu. Nachvollziehbar, aber dennoch teilweise etwas weit hergeholt… Vielleicht bin ich bloß sehr naiv, wenn ich bei diesen Zahlen noch nicht rechtes Gedankengut unterstelle.
Bei den Kleidermarken war dies dann schon eindeutiger, zumal ich einige von ihnen auch vom Namen her bereits kannte. Bei Doc Martens blieb ich allerdings bereits zwiegespalten zurĂŒck, denn, auch wenn Skinheads zu den „Stammkunden“ zĂ€hlen, verbinde ich die Marke auch mit der Punkerszene oder generell arbeiterverbundenen Menschen. In meinem Umfeld kenne ich genĂŒgend linksorientierte, die sich fĂŒr die Produkte dieser Firma begeistern können…
Der Schreibstil des Buches ist sehr einfach und verstĂ€ndlich gehalten, weswegen ich vom bloßen Sprachgebrauch bereits sagen wĂŒrde, dass dieses Werk auch fĂŒr jĂŒngere Leser als die empfohlenen 13jĂ€hrigen geeignet wĂ€re. Vom Inhalt her ist das natĂŒrlich eine ganz andere und sehr individuelle Frage, denn wenn Protagonisten Aussagen wie „Wenn der Neger brennt, dann werde ich richtig feiern.“ (S.62) tĂ€tigen oder Lieder mit kinderleicht zu merkenden Reimen zitiert werden, ist das schon nicht ohne.
Was ich allerdings sehr schade finde ist, dass ich beim Lesen immer wieder auf Rechtschreib-, Wort-, oder Ă€hnliche Fehler gestoßen bin; das hat ein so wichtiges Buch nicht verdient…
Sehr ansprechend ist meines Erachtens das Hinterfragen des Begriffes der „FlĂŒchtlingswelle“ und das Aufzeigen rechter Tendenzen bei Aussagen von Politikern am Beispiel von den durch die Presse gegangenen Worten des CSU GeneralsekretĂ€rs.

Alles in allem bin ich der Meinung, dass es nicht geschadet hĂ€tte, wenn dieses Werk noch etwas ausfĂŒhrlicher und „erwachsener“ gewesen wĂ€re, denn mir als 13jĂ€hrige wĂ€re es schĂ€tzungsweise noch etwas zu kindlich gewesen. Zwar ermöglicht dies ein schnelles und lockeres Lesen, allerdings frage ich mich, ob das bei dieser Thematik so nötig ist oder ob dass doch nicht so ganz zum Inhalt passt. Immerhin könnte ein Mittelweg zwischen verstĂ€ndlich und anspruchsvoll gefunden werden, da der Schreibstil meines Erachtens die Recherchearbeiten des Autors runterspielt und weniger als Tatsachen greifbar macht. Gerade in Verbindung mit den von mir bereits erwĂ€hnten Fehlern wirkt es so, als wĂ€re dem Buch beim Entstehen nicht so viel Zeit, MĂŒhe und Achtung geschenkt worden als es tatsĂ€chlich der Fall gewesen sein dĂŒrfte. Denn, dass Engelmann fĂŒr dieses Buch nicht wenig Recherchen angestellt hat, dĂŒrfte außer Frage stehen.

So vergebe ich 4 von 5 Sternen, da mich das Buch trotz des Schreibstils zu erschĂŒttern vermochte, den Leser nah an Rechtsextreme fĂŒhrt und sensibel fĂŒr Symbole und Ähnliches macht.

4-Sterne

Hier geht es zur Buchseite -> klick

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