📖 Rezension zu: „Der Gentleman“ von Forrest Leo

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Großartig und geistreich!

Lionel Savage, ein nicht gerade sehr arbeitsamer Aristrokrat im zarten Alter von 22 Jahren, hat soeben beschlossen, sich das Leben zu nehmen. Vor einem Jahr hat er, um seiner Ă€ußerst prekĂ€ren finanziellen Lage zu entfliehen, reich geheiratet, doch ist seine Gemahlin, davon musste sich der hervorragende Dichter ĂŒberzeugen, absolut geistlos. DarĂŒber hinaus hat Lionel seit der Hochzeit keinen einzigen Vers mehr zu Papier gebracht, denn offenbar hemmt der Ehestand seine kĂŒnstlerischen FĂ€higkeiten enorm. „Dichter sind zum TrĂ€umen und Tanzen im Mondschein bestimmt und fĂŒr die verzweifelte Liebe“ (S.70) DarĂŒber hinaus ist er fĂŒr ein eheablehnendes GemĂŒt prĂ€destiniert – immerhin starben seine Eltern an ihrem Hochzeitstag. Kein Wunder also, dass seine unmögliche Situation einzig und allein auf Vivien Lancaster, jetzige Savage, zurĂŒckzufĂŒhren ist, die vergnĂŒgungssĂŒchtig einen Lionel verhassten Maskenball nach dem nĂ€chsten veranstaltet.
Doch stellt sich nun ein neues Problem ein: Wie soll er seinem Leben ein Ende setzen? Gegen seine Idee, sich zu erschießen, wendet der wohl weltbeste Butler namens Simmons ein, dass er, da er die wenig appetitlichen KörperflĂŒssigkeiten nach einem Kopfschuss aufwischen mĂŒsste, von jenem Vorschlag nicht gerade begeistert sei. Wieder allein gelassen – wĂ€hrend unten ein Maskenball wĂŒtet – ĂŒberlegt Lionel also, welche Alternativen des Selbstmordes sich ihm wohl böten. Just in diesem Moment betritt ein sehr freundlicher, etwas schĂŒchterner aber sich durchaus als sympathisch herausstellender Gentleman das Zimmer des Aristokraten. Er ist gekommen, um sich bei Lionel zu bedanken, der ihn zuvor beim Pfarrer kurz in Schutz genommen habe. Die Verwirrung ist groß als sich herausstellt, dass der werte Herr der Teufel persönlich ist.
Die beiden Gentlemen – wobei der objektive Betrachter anzweifeln darf, ob diese – vom Dichter fĂŒr auf sich passend befundene – Beschreibung tatsĂ€chlich zutreffend ist – unterhalten sich wunderbar bis die Sprache irgendwann unweigerlich auf Lionels Verdammnis, seine Ehefrau, fĂ€llt. Am liebsten wĂŒrde er sie loswerden und stattdessen lieber wieder auf die Höhen seiner dichterischen FĂ€higkeiten gelangen.
TatsĂ€chlich ist, kurz nachdem der Teufel verschwunden ist, Vivien Savage unauffindbar. Hat Lionel seine Frau ohne es ausdrĂŒcklich gewollt oder gesagt zu haben an den Teufel verkauft? Oder sogar einfach verschenkt? Da ihn das schlechte Gewissen plagt und er feststellen muss, dass er ohne Vivien vielleicht auch nicht der erfolgreichste Dichter ist, beschließt er, sie aus der Hölle zu befreien. Auf seiner abenteuerlichen Reise wird er von seinem Schwager, dem Entdecker Ashley Lancaster, seinem Butler Simmons und seiner kessen und neugierigen kleinen Schwester Lizzie begleitet und noch von einigen weiteren Charakteren unterstĂŒtzt. Doch wo soll man die Rettungsaktion starten? Wo zum Teufel ist die Hölle? Und ist es vielleicht schon zu spĂ€t fĂŒr Vivien?

Das Buch spielt im viktorianischen London um 1850. Forrest Leo ist es vorzĂŒglich gelungen, den Snobismus und die Dekadenz der Aristokraten sowie fĂŒr diese Zeit typische Geflogenheiten ironisch und perfekt auf den Punkt gebracht darzustellen. Generell ĂŒberzeugt dieses Werk mit sehr viel geistreichem und pointiertem Humor, was mir ausgesprochen gut gefallen hat. Da Lionel eine Ă€ußerst skurrile Figur ist und beinahe stĂ€ndig aneckt, dennoch aber blitzgescheit und wohl gebildet ist, kommt es regelmĂ€ĂŸig zu mehr als gelungenen SchlagabtĂ€uschen, die so köstlich sind, dass man sich ein Schmunzeln oder Lachen nur schwerlich verkneifen kann.
In meinen Augen der grĂ¶ĂŸte Clou des Buches ist, dass der angeheiratete Cousin des Protagonisten dieses Werk herausgegeben haben soll. Zur EinfĂŒhrung merkt dieser jedoch bereits an: „Ich wurde beauftragt, diese Seiten herauszugeben und ihre Veröffentlichung zu besorgen. Ich tue es nicht gerne und möchte festgehalten wissen, dass ich es fĂŒr besser hielte, wenn sie verbrannt worden wĂ€ren.“ Warum dem so ist, erfĂ€hrt der Leser mit jeder Seite die er verschlingt, da sich Hubert Lancaster die Freiheit genommen hat, die Geschichte ĂŒber die reichliche Verwendung grandioser Fußnoten zu kommentieren. Dabei fĂ€llt auf, welch eine verquere (Selbst-)Wahrnehmung der Schreiberling Lionel Savage doch zu haben scheint. DarĂŒber hinaus haben Huberts trockene und sarkastische Bemerkungen mich immer wieder zum Lachen gebracht, was bei BĂŒchern zugegebenermaßen viel zu selten geschieht. Meist ist mir das Rumgeulke in BĂŒchern, die den Anspruch erheben, unterhaltsam zu sein, zu krampfhaft gewollt, hier wirkt hingegen so ziemlich jede der vielen unterhaltsamen Aussagen sehr geistreich und lang erdacht.
Von der ersten Seite an konnte ich in die ErzĂ€hlung abtauchen, da die Geschichte an sich schon so packend und dann auch noch wunderbar fesselnd geschrieben worden ist. Mit dem stark leidenden Lionel konnte ich bestens mitfĂŒhlen und ich habe ihn – wie auch sĂ€mtliche anderen Charaktere – schon bald in mein Herz geschlossen. Sie alle sind so wunderbar liebevoll gezeichnet, haben allesamt ihre Ecken und Kanten dass sie tatsĂ€chlich echt wirken; selbst wenn man merkt, dass einige phantastische Elemente so in der RealitĂ€t kaum angetroffen werden könnten. Lionel Savage ist so unfassbar von sich ĂŒberzeugt, bringt Anderen oftmals wenig Respekt entgegen, wird aber dennoch immer wieder davon ĂŒbermannt, wie poetisch ein Ort, ein Satz oder ein Mensch doch ist, dass man ihm gar nichts ĂŒbel nehmen kann. FĂŒr mich war es ein großer Genuss den Kontrast zwischen seiner Beschreibung und den Anmerkungen des Herausgebers erfahren zu dĂŒrfen und die Entwicklung, welche er durchlĂ€uft, mitzuerleben. Er ist eine so skurrile, versnobte, kauzige, geniale und liebenswerte Persönlichkeit, wie ich es selten in BĂŒchern erlebt habe.
„Im Herzen bin ich RevolutionĂ€r.“ (S.57)
„Ich bereue meine Schroffheit zwar sofort, aber Simmons hat diese sehr unangenehme Angwohnheit, meine Gedichte kleiner zu machen als sie sind. Ich mag es nicht, wenn ich dichte und mich erhaben fĂŒhle und dann jemand des Weges kommt und es liest und fĂŒr dĂŒrftig befindet.“ (S.91)
Der Schreibstil ist ganz vorzĂŒglich: Forrest Leo bedient sich einer zauberhaften Wortwahl, die weder eingestaubt noch in die Kategorie „neumodischer Kram“ fĂ€llt, sondern sich perfekt in die Geschichte schmiegt und ausgezeichetn zu den Figuren, den Orten sowie der Handlung passt. „Lieber ein geistreicher Narr (…) als ein nĂ€rrischer Geist.“ (S.130) Viel Wortwitz und zahlreiche Gedanken zur Lyrik und Kunst ebenso wie spitze Bemerkungen, Sarkasmus oder intelligente Dialoge machen jeden Satz zu einem Genuss.
Ich könnte noch stundenlang darĂŒber referieren, weswegen ich „Der Gentleman“ so großartig und absolut gelungen finde, mich beschleicht allerdings die BefĂŒrchtung, dass diese AusfĂŒhrungen dann doch etwas zu weit gehen und sowieso nicht mehr gelesen wĂŒrden, weswegen ich jetzt zu einem Ende kommen werde. Ganz kurz zusammenfassend muss ich aber noch bemerken, dass dies ein wunderbar skurriles, humorvolles, geistreiches Buch mit liebevoll gezeichneten Charakteren, die man, gerade wegen ihrer Unperfektheit zĂŒgig ins Herz schließt, ist, dass einen nicht mehr los lĂ€sst – auch wenn man die letzte Seite bereits beendet hat. Anmerken möchte ich zudem, dass ich mich bei vielen Passagen ĂŒber hervorragendes Kopfkino freuen konnte und mir dachte, dass „Der Gentleman“ sicherlich auch fĂŒr die BĂŒhne geeignet wĂ€re, um dann in der Danksagung zu erfahren, dass dieses Buch zuerst auch ein TheaterstĂŒck gewesen ist.

Von mir gibt es fĂŒr dieses vielschichtige Buch ĂŒber Abenteuer, Liebe, Familie, die Ehe, „Duelle und Beinahe-Duelle“, Lyrik und Literatur, Dichter, Erfinder und Entdecker, den Teufel und die Aristokraten sowie zahlreiche weitere Themen definitiv weiterempfehlen. Es zĂ€hlt sicherlich zu den besten Werken, die ich je gelesen habe und teilt sich zur Zeit mit „Willkommen in Night Vale“ meinen persönlichen Platz 1.
Ich vergebe 5 euphorisch am Himmel funkelnde und ihre Funken versprĂŒhende Sterne fĂŒr dieses meisterliche Werk!

5-Sterne

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