📖 Rezension zu: „Madrid, Mexiko“ von Antonio Ortuño

Madrid, Mexiko

Im wahrsten Sinne wortgewaltig.

Zwei sehr verworrene und verflochtene HandlungsstrĂ€nge werden in diesem Buch gekonnt verknĂŒpft. Ihre Verbindungsstelle liegt darin, dass es sich um die kompilzierte Familiengeschichte der Almansas handelt, die bewegter kaum sein könnte.
Die Handlung erstreckt sich ĂŒber den Zeitraum von 1923 bis 2014, was auch erklĂ€rt, weswegen es zu derart vielen schwierigen Situatonen und unterschiedlichen Lebenswelten kommt. So begleitet man die Figuren auf Fluchten, im Spanischen BĂŒrgerkrieg, erlebt, wie aus Freunden erbitterte Feinde werden und erlebt hautnah, wie es sich anfĂŒhlt, keine wirkliche nationale IdentitĂ€t zu haben und sich daher immer als außenstehend zu fĂŒhlen zu haben.

Sprachlich ist „Madrid, Mexiko“ wie auch schon Ortuños DebĂŒt Ă€ußerst eindringlich und geht mit ungeschönten Beschreibungen und kraftvollen Wörtern nahe, pflanzt sich hartnĂ€ckig festsetzende Bilder in den Kopf und lĂ€sst einen in die verschiedenen Epochen eintauchen. Viele Passagen muss man mehrfach lesen, um ihnen gerecht zu werden, da sie so geballt und geladen an Inhalt sind. Zudem sind die einzelnen SĂ€tze, ebenso wie die HandlungsstrĂ€nge an sich, dicht und eng verwoben, sodass man beim Lesen angehalten ist, aufmerksam und wachsam zu bleiben und die Augen nicht vor dem oft erschĂŒtternden Inhalt zu verschließen. Ortuños Worte lösen dabei einen starken Sog aus, lassen einen nicht mehr los und auch wenn man sich am liebsten eine Pause gönnen, um das Gelesene verarbeiten und ĂŒberdenken zu können, ist man doch nicht in der Lage, das Buch lĂ€nger als nötig aus der Hand zu legen. DarĂŒber hinaus wird man sich gerade aufgrund der teilweise wĂŒtenden Worte erst des Ausmaßes bewusst, dass die beschriebenen Ereignisse fĂŒr die Bevölkerung, fĂŒr die Menschen ganz konkret, bedeuten und was es heißt, zur Flucht gedrĂ€ngt zu werden.
„Zu sagen, er habe getrĂ€umt, wĂ€re falsch, denn er konnte nicht ohne die UnterstĂŒtzung von Tabletten schlafen, und manchmal selbst dann nicht; doch er hatte den lebhaften Eindruck zurĂŒckbehalten, dass der Concho sein keuchendes, brutales Gesicht gegen die Fensterscheibe gedrĂŒckt und in seine Wohnung gesehen hatte. Sein Schweiß, der ihm mit der FeinfĂŒhligkeit eines Faustschlags in die Nase gestiegen war, stank nach Ammoniak.“ (S.97)
Die Charaktere in „Madrid, Mexiko“ sind sehr stark gezeichnet, weswegen man von ihnen recht schnell ein klares Bild erhĂ€lt. Was nicht bedeutet, dass man wĂŒsste, wie man ĂŒber sie zu denken habe. Aber dadurch dass der Autor seinen Figuren starke Konturen verleiht, werden sie greifbar, wirken real und lassen sich in ihren Facetten wahrnehmen.
Auch gelingt es dem Autor den Leser bereits vor Beginn der einzelnen Abschnitte auf das Kommende einzustimmen – so beispielsweise durch das Zitieren der Liedzeilen „Spanish bombs rock the province / I’m hearing music from another time“ (S. 203) aus „Spanish Bombs“ von The Clash.
Dass die Geschichte zwischen den einzelnen Episoden von Kapitel zu Kapitel wechselt, verleiht dem Leser ein GefĂŒhl der Unsicherheit, des UnbestĂ€ndigen, wie es auch die Charaktere immer wieder erfahren mĂŒssen. Dennoch entdeckt man so die sich herauskristallisierenden Verbindungen der verschiedenen ErzĂ€hlungen zueinander. Zu Beginn des Buches war es fĂŒr mich gelegentlich etwas schwierig, den Überblick zu behalten ob der wechselnden Figuren, Zeiten und Orte, doch wird dies leichter mit der Zeit.

Alles in allem handelt es sich um ein sehr nahegehendes Buch, dessen Inhalt sich schwerlich zusammenfassen lĂ€sst und dessen KomplexitĂ€t beeindruckt. Sprachlich ist es, wie bereits „Die Verbrannten“ , außergewöhnlich – man kann im wahrsten Sinne von „wortgewaltig“ sprechen. Unter anderem werden stark gezeichnete, oftmals kantige Charaktere und eine verworrene Familiengeschichte vor dem historischen Hintergrund verschiedener Epochen von 1923 bis 2014 gekonnt dargestellt und erzĂ€hlt.

Ich vergebe 5 Sterne

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