đź“– Rezension zu: „Sturmflimmern“ von Moira Frank

Sturmflimmern

Toller DebĂĽtroman!

Eines Nachts fahren zwei junge Erwachsene immer schneller, immer weiter fort von einem zum nächsten Staat der USA. Einer der Beiden, ein Mann mit einer Security-Statur und zahlreichen Tattoos, ist angeschossen und scheint um sein Leben mehr als hart zu ringen. Beide verstecken im Auto ein kleines Kind von gerade einmal vier Jahren, welches – blutverschmiert – noch immer nicht recht begreifen kann, was gerade passiert ist.
Irgendwann kommen die drei in dem Städtchen Highville an, setzen sich dort nieder und werden zu einer mehr oder weniger normalen Familie.
In einem flirrend heiĂźen Sommer dann, Sofia, wie sie nun heiĂźt, ist mittlerweile 15 Jahre alt, braut sich ein grausamer Sturm zusammen. Während die Hitze immer unerträglicher wird und sie mit ihren besten Freunden Oscar, Jeremy, Nicky und Abigail einfach nur den Sommer genieĂźen möchte – mit Partys und Schwimmengehen.
Doch dann verschlimmert sich die Lage zwischen Oscar und seinem gewalttätigen Bruder, sodass dieser mit seinen Freunden Jazz, Chloe und Tommy gewissermaßen Jagd auf die Teenager macht.
Sofia, die ihr Temperament so gut wie ĂĽberhaupt nicht zu bändigen vermag, trägt in der nächsten Zeit wesentlich dazu bei, dass sich Gewaltexzesse immer weiter hochschrauben. DarĂĽber hinaus werden auch immer mehr Unbeteiligte zu Opfern schier grenzenloser Brutalität. Auch wenn man jedes Mal glaubt, mittlerweile mĂĽssten die Charaktere am Boden liegen und nicht mehr in der Lage sein, aufzustehen, geht es doch immer weiter… Irgendwann gipfelt alles in einem unfassbaren Orkan, den keiner der Beteiligten so erwartet hätte…
Parallel dazu verläuft eine zweite Handlung, denn selbstverständlich lässt sich eine derart düstere Vergangenheit wie die Sofias und deren Zieheltern Harriet und Schill nicht einfach abschütteltn. Eines Sommertages taucht, als wäre für Sofia nicht schon genug im Argen, Isaac auf und behauptet, ein alter Freund ihrer Eltern zu sein. Sofia, wissend dass dies nicht möglich ist, da alle drei falsche Papiere und nie im Leben alte Bekannte haben, ist und bleibt misstrauisch. Dadurch, dass ihre Eltern sich mit einer Mischung aus blankem Hass und Kleinbeigeben mit dem Besuch des Mannes arrangieren, wird Sofias Unbehagen verstärkt.
Nach und nach sickert durch, dass der Fremde etwas mit Sofias Vergangenheit zu tun hat. Er weiĂź darum, dass sie entfĂĽhrt worden ist und will sie zurĂĽck holen, an ein medizinisches Institut, das an Sofia groĂźe Interesse hat, ein Ort, an dem ihre Mutter vor Jahren in den Tod getrieben wurde.
Selbstverständlich erinnert sich die Jugendliche nur bruchstückhaft an die Ereignisse der verheerenden Nacht oder an die Zeit davor. Aber einiges weiß sie auch ganz sicher, ohne dass Schill und Harriet ihr jemals alles erklärt hätten: Sie ist nicht das Eigentum von irgendwem und die beiden Menschen bei denen sie lebt, ihre Eltern, liebt sie über alles. Sie darf nicht zulassen, dass ihnen irgendetwas zustößt.
Doch schon bald wird klar, dass Isaac und seine Männer auch vor Gewalt nicht zurĂĽckschrecken, um das zu bekommen, was sie wollen. Und so wird Sofia zum Handeln gezwungen…

Es ist wirklich schwer, den Inhalt des Buches einigermaßen wiederzugeben, da sich verschiedene Handlungsstränge, die auf eine gewisse Art miteinander verknüpft werden, über 476 Seiten erstrecken. Dabei verliert sich die Autorin immer wieder in Ausführungen, welche für die Handlung vielleicht nicht gerade bedeutungsvoll sind, aber dem Leser dennoch viel Atmosphäre und ein Gespühr für die Figuren vermitteln.
Was mich beeindruckt hat, ist, dass es der Autorin in ihrem Debütroman gelingt, die Figuren ganz selbstverständlich miteinander agieren zu lassen und dem Leser ermöglicht, ganz tief einzutauchen, sodass er die verschiedenen Charaktere sehr gut kennt. Zwar erfährt man nur nach und nach über in der Vergangenheit liegende Ereignisse, merkt auf diese Art und Weise allerdings auch, weshalb sich einzelne wie zueinander verhalten und warum wer wie zu wem steht. Gerade bei einem Erstlingswerk ist das meines Erachtens eine große Leistung.
Allerdings, das muss ich auch zugestehen, erhält „Sturmflimmern“ so seine Längen. Auch wenn es in meinen Augen beinahe durchgehend spannend war, fiel es mir manchmal schwer, mich durch einzelne Passagen zu kämpfen.
Der Schreibstil ist sehr angenehm – verständlich auf der einen, extrem packend und ergreifend auf der anderen Seite. Der Autorin gelingt es, einen mitten ins Geschehen zu ziehen; nicht nur, was die Figuren, sondern auch was die Handlung angeht. So konnte ich das Buch kaum aus der Hand legen und habe mit den zahlreichen Figuren, die es allesamt nicht leicht haben, gefiebert.
Die Handlung ist äußerst brutal, weswegen das Buch sicherlich nicht für jeden geeignet ist. Die Protagonisten sind in einer Gewaltspirale gefangen, aus der sie einfach nicht entkommen können. Immer mehr spitzt sich die Lage zu und die Abstände zwischen den einzelnen Exzessen nehmen ab. Dabei beschreibt die Autorin auf sehr eindringliche und detailverliebte Art, wie diese vonstatten gehen. Solche Szenen, in denen Knochen gebrochen, Schüsse abgefeuert oder Menschen gewürgt werden, nehmen den Großteil des Buches ein, so war mein Gefühl.
Immer wieder war ich von so viel Hass und Brutalität überrascht, aber auf eine erschreckende Weise wirkte das Erzählte so real und greifbar, dass man es kaum anzuzweifeln mag. Darüber hinaus folgt ein Schlag schlüssig auf den nächsten und man ist bei den einzelnen Aktionen so im Geschehen, dass das Gesamtbild plausibel wirkt. Denn tatsächlich glaubt man der Autorin, nimmt ihr die Geschichte ab und versteht, wie es dazu kommen konnte, dass der sprichwörtliche kleine Stein große Wellen schlägt.
Sehr ansprechend finde ich zudem, wie das Wetter die Stimmung im Buch widerspiegelt und das trägt ebenfalls zu der angespannten Atmosphäre bei.
Auch der ausgewählte Handlungsort und -zeitraum sind mit einer Kleinstadt in den USA der 80er Jahren sehr vielversprechend und geschickt gewählt. Dank der ausführlichen Beschreibungen kann man sich die einzelnen Gebiete hervorragend vorstellen, weswegen mir immer wieder in den Sinn kam, dass das Buch auch als Film sehr gut funktionieren würde.

Mich konnte „Sturmflimmern“ sehr packen und aufgrund der bildgewaltigen Sprache tauchte ich sehr schnell ins Gesehen ein. Die meiste Zeit ĂĽber hatte ich das GefĂĽhl kein Leser, sondern ein Beteiligter zu sein, was gerade bei einem DebĂĽtroman beeindruckend ist. Dennoch hatte das Buch zwischenzeitig wegen sehr ausfĂĽhrlicher Beschreibungen langatmigere Stellen, was aber zu einem besseren Verständnis der BeweggrĂĽnde und Ă„hnlichem beitrug. FĂĽr Zartbesaitete ist „Sturmflimmern“ mit seinen zahlreichen deatilreich geschilderten Gewaltszenen sicherlich nicht geeignet. Wer sich davon aber nicht abschrecken lässt und einen aufgrund mehrerer Handlungsstränge etwas verwickelten Roman ĂĽber das Erwachsenwerden und wahre Freundschaft lesen möchte, der nicht vor lauter Kitsch trieft, ist mit diesem Werk sehr gut beraten!

Ich vergebe 4,5/5 Sternen

4_5_sterne

Advertisements

Ein Gedanke zu “đź“– Rezension zu: „Sturmflimmern“ von Moira Frank

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ă„ndern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ă„ndern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ă„ndern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ă„ndern )

Verbinde mit %s