📖 Rezension zu: „Geheimnis in Weiß“ von J. Jefferson Farjeon

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Zeitreise in ein abgelegen eingeschneites, nicht eingestaubtes, englisches Landhaus

Nahe dem Dorf Hemmersby bleibt an Heiligabend ein Zug im immer stĂ€rker werdenden Schneegestöber stecken. In einem Abteil dritter Klasse beratschlagen ein paar Reisende daher, ob sie einfach abwarten und somit ein wohlmöglich viel zu spĂ€tes Ankommen bei Freunden, Verwandten und so weiter riskieren sollen, oder ob sie vielmehr den Zug verlassen und sich selbst auf die Suche nach dem kleinen Dorf zu machen. Nach einigem Überlegen und FĂŒr und Wider beschließen sie jedoch, einen Versuch zu wagen und sich aufzumachen. WĂ€hrend die Schneeschicht alles bedeckt und stetig dicker wird, irren die Passagiere durch die weiße Einöde. Als sie, völlig erschöpft und zum Teil krĂ€nkelnd, auf ein Landhaus stoßen, entschließen sie sich, Zuflucht zu suchen. Die TĂŒre steht bereits offen, im Kamin lodert ein wohlig-warmes Feuer, der Tisch ist zum Tee gedeckt, die Vorratskammer ist gefĂŒllt und die Zimmer sind bestens hergerichtet. Doch niemand ist anwesend, was angesichts des starken Schneetreibens, der Abgeschiedenheit des Hauses und den vielen Indizien, welche von Bewohnern zeugen, sehr verwundert. Offensichtlich war noch vor Kurzem jemand hier – und wartete auf GĂ€ste..?
Die Schutzsuchenden richten sich nach und nach ein, erstellen Listen, in denen sie penibel alle ge- und verbrauchten GegenstĂ€nde aus dem Haus eintragen und einem von ihnen dafĂŒr zu zahlenden Bertrag zuordnen.
Bereits die Zusammenstellung verschiedener Persönlichkeiten – vom Nörgler, der bereits alles in viel schlimmer durchlebt und gemeistert hat, bis zur RevuetĂ€nzerin – trĂ€gt zu einigen Spannungen bei. Dass sie aufeinander angewiesen sind, können manche nicht gut verkraften… Als dann aber noch einige rĂ€tselhafte GegenstĂ€nde auftauchen und sich einst geschlossene TĂŒren plötzlich öffnen lassen, beginnen einige der gestrandeten Passagiere Ermittlungen anzustellen. Was hat es beispielsweise mit dem GemĂ€lde im Eingangsbereich auf sich? Alles scheint ein potenzieller Beweis fĂŒr etwas zu sein – ist das auf dem Boden liegende Brotmesser etwa bedeutsam?
Nach einer Weile betritt dann auch noch der etwas fadenscheinige, offensichtlich lĂŒgende Cockney Mr. Smith das eingeschneite Haus. Dass mit ihm etwas ganz und gar nicht stimmt, wird schnell deutlich.
StĂŒck fĂŒr StĂŒck bemerken die Reisenden, dass sie es mit einem, wenn nicht sogar mehr, Morden zu tun haben… Werden sie den TĂ€ter ĂŒberfĂŒhren können?

Der Beginn, die Kapitel aus dem steckengebliebenen Zug, erinnerten durchaus an ein Werk Agatha Christies. Und auch die Ergebnisse ausgiebigen Kombinierens hÀtten so in dem ein oder anderen Kriminalroman der Queen of Crime gefolgert werden können.
Allerdings unterscheidet sich dieses Werk bereits durch die Zusammenstellung der Charaktere. Da wĂ€ren der unscheinbare und alles andere als selbstbewusste Buchhalter Mr. Thomson, die Geschwister David und Lydia Carrington, wobei sich letztere im Landhaus aufopferungsvoll um die (kranken) Passagiere kĂŒmmert, der Ă€ltere Mr. Maltby, der fĂŒr die Königlich Parapsychologische Gesellschaft unterwegs ist und als erster zu ermitteln beginnt, der nörgelnde Mr. Hopkins oder die RevuetĂ€nzerin Jessie Noyes. Diese Figuren haben alle ihre Besonderheiten, sodass das Miteinander phasenweise recht schwer wird, sie sich zu anderer Zeit aber auch bestens ergĂ€nzen. Manche wachsen an den Ermittlungen, andere treten zunehmend in den Hintergrund und verblassen wie Mr. Thomson nach und nach. Dabei gibt es gelegentlich auch bissige Dialoge, beispielsweise wenn der gescheite Mr. Maltby die Stumpfsinnigkeit Mr. Hopkins‘ kritisiert und auf die Schippe nimmt.
An den sehr prunkvollen Schreibstil musste ich mich zunĂ€chst gewöhnen, da die SĂ€tze im Vergleich zu anderen BĂŒchern schon recht ausgeschmĂŒckt und dementsprechend lang geraten sind – selbst sehr Banales wird hĂ€ufig stark paraphrasiert. Manchmal, besonders wenn eine dieser ausfĂŒhrlichen Beschreibungen direkt im Anschluss relativiert wird, war dies fĂŒr mich leseflusshemmend. Wenn beispielsweise eine Tat spekuliert wird und noch im gleichen Atemzug eine Aussage im Stile „es kann aber auch nichts bedeuten und ganz anders gewesen sein“ getroffen wird, ist das dann schon etwas irre fĂŒhrend; gerade da eben derart viele Themen aufgegriffen werden. Allerdings gewöhnte ich mich zunehmend an diese ErzĂ€hlweise und konnte den Schreibstil fortan – mit wenigen Ausnahmen – genießen. So merkt man dem Buch an, dass es aus dem Jahre 1937 stammt.
„Die Wahrheit ist das höchste Gut der Welt – und das vernachlĂ€ssigteste.“ (S. 240)
TatsĂ€chlich gilt es einige Geheimnisse zu lĂŒften, jedoch darf man sich bei der LektĂŒre nicht gerade einen temporeichen Kriminalroman erhoffen, bei dem ein Ereignis das nĂ€chste jagt. Vielmehr ist das ErzĂ€hlte ruhig und immer wieder undurchsichtig wie ein kleines Schneegestöber selbst. Vor allem, da die AusfĂŒhrungen nicht chronologisch die Geschehnisse wiedergeben, muss man gelegentlich inne halten und das Gelesene rekapitulieren, um in die Geschichte eine Ordnung und ZusammenhĂ€nge bringen zu können. Zeitweise hatte das Buch seine LĂ€ngen, was ich etwas schade fand… Interessant ist hingegen der Aufbau der ErzĂ€hlung, da diese sich sowohl aus Dialogen, als auch aus TagebucheintrĂ€gen und Briefen zusammensetzt.
Bis auf wenige Ausnahmen wie den Beginn, spielt sich die Handlung im Landhaus ab, sodass die Kulisse stets dieselbe bleibt und so ziemlich jedes Detail analysiert wird. Auch dies ist manchmal spannend, manchmal etwas ermĂŒdend. Hin und wieder hatte ich das GefĂŒhl, die Ermittlungen steckten auch tief im Schnee und kĂ€men nur schwerlich von der Stelle… Die Idee des abgelegenen Landhauses inmitten von meterhohem Schnee ist so aber vielversprechend und atmosphĂ€risch.
Betrachtet man das – oder die – Verbrechen an sich, so sieht man zwar keinen atemberaubend ausgeklĂŒgelten Fall mit zahlreichen Fallen und Wendungen vor sich, aber dennoch einen runden, abgeschlossenen Fall mit seinen Überraschungen. Die ruhige Geschichte passt von ihrer Ruhe gut in die Advendszeit.

Alles in allem kein sonderlich actiongeladener oder blutrĂŒnstiger Kriminalroman, wobei dieser Anspruch aber auch zu keiner Zeit erhoben wird, sondern viel mehr ein ruhiges Buch voller detailverliebter Beschreibungen und sehr ausgeschmĂŒcktem Schreibstil.

3,5/5 Sternen

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