📖 Rezension zu: „Die Pürin“ von Noëmi Lerch

Leise Töne…

„Am Anfang hatte ich den alten Schimmel, dann eine Kuh, dann zwei. Die Hühner sind dazu gekommen, und noch eine Kuh. Und so ging es weiter. (…) Heute habe ich vierzehn Kühe, vierzehn Rinder, siebenundvierzig Hühner und den alten Schimmel dazu.“ (S.47)
Eines Tages, als sie ihre Großeltern in deren Villa mit Namen Laudinella besucht, begegnet die bis zuletzt namenlose Erzählerin der Pürin. Diese hat vor Jahren, gegen einigen Widerstand, als Frau selbst mit dem Bewirtschaften eines eigenen Bauerhofes begonnen. Da sie immer älter, die Arbeit jedoch keineswegs weniger wird, fragt sie, ob die Frau nicht ihre Gehilfen werden möchte.
So notiert die Gehilfin die Erlebnisse der beiden – alles, was sie nicht vergessen möchte. Eine arbeitsame Zeit beginnt für sie, die aber, trotz aller Anstrengung, wohltuend ist. In Gedanken schweift sie gelegentlich zu diesem Mann ab. Demjenigen Mann, dessen Tasse zusammen mit der ihren noch einsam und verlassen auf dem Tisch in der alten Villa steht. Jeden Abend kehrt die Gehilfin in das verlassene Anwesen und nimmt die gesamte Atmosphäre in sich auf. Und auch, wenn dort niemand mehr wohnt und ihre Großmutter längst schon verstorben ist, begegnet sie ihr dort von Zeit zu Zeit, unterhält sich mit ihr oder lässt sich ein Getränk zur Stärkung von ihr zubereiten.
Nicht nur mit ihrer Großmutter spricht die Gehilfin, sondern auch mit Gegenständen wie dem Traktor oder mit Tieren.
„Ich frage mich, ob die Tänze des Falken einen praktischen Sinn haben. Ich frage den Falken. Er sagt, hungrig sei er nur im Winter.“ (S.63)

Als Leser begleitet man die anpackende, rätselhafte und entschlossene Pürin sowie die manchmal zweifelnde, unsichere und vergessen wollende Gehilfin über ein ganzes Jahr hinweg. Deswegen ist dieses 80 Seiten umfassende Werk in die vier Jahreszeiten gegliedert. Vom Winter ausgehend, bekommt man die Veränderungen ganz sachte aufgezeigt und bemerkt, wie sich alles im ewigen Kreislauf befindet.
Die Erzählerin hängt ihren Gedanken häufig nach, sodass man immer wieder den Zusammenhang suchen muss, ihn nach kurzer Zeit des Überlegens jedoch findet.
Zunächst war ich von den Gesprächen mit Verstorbenen, Tieren und Gegenständen nicht sonderlich angetan, nach einer Weile fügten sich diese Fragmente des Be- und Ergreifens der Umwelt jedoch zusammen und wurden stimmiger. Betrachtet man solche Szenen also als Suche, Zweifel, Unsicherheit oder Ähnliches, dann lernt man die Gehilfin deutlich besser kennen.
Sehr überraschend ist, wie gut die beiden Frauen, obwohl sie so unterschiedlich sind, harmonieren. In diesem Buch wird der Fokus auf das Wesentliche gelegt, sodass der Leser sich vieles vorstellen kann. Da kein Gespräch mit Anführungszeichen gekennzeichnet wird und die Sprache nüchtern belibt, hat man bei der Lektüre das Gefühl, in einer Seifenblase zu sitzten und, abgekapselt von allem anderen, nur der Pürin und ihrer Gehilfin bei ihrem Leben zuzuschauen.

„Die Pürin“ zeichnet sich weniger durch eine mitreißend-aufregende Geschichte, als durch eine ruhige Erzählung aus. Dieses Buch arbeitet sehr viel mit Atmosphäre und leisen Tönen, mit Kargheit statt großen Ausschmückungen. Zu erst musste ich mich an diese Art und Weise gewöhnen, nach einer Weile jedoch habe ich sie genossen.

Ich vergebe 4,5 von 5 Sternen

4_5_sterne

 

 

 

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