📖 Rezension zu: „Das Scheitern Mitteleuropas 1918-1939″ von Walter Rauscher

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Äußerst informativ!

Der österreicherische Historiker Walter Rauscher, der bereits Biografien über Karl Renner und Reichspräsident Hindenburg sowie die Doppelbiografie „Hitler und Mussolini“ geschrieben hat, befasst sich in seinem neuen Werk mit der Zeit in Europa zwischen den beiden Weltkriegen. Denn in den 20er- und 30er- Jahern sorgen Weltwirtschaftskrise, linker und rechter Extremismus, Terror, Massenarbeitslosigkeit, Hyperinflation, Minderheitenfragen oder erbitterte Streitigkeiten um territoriale Grenzen für ein dramatisches Scheitern. Ebenso bereiten nationale Egoismen, ein wachsender Antisemitismus, das Misslingen von Staatenbund- und Zollunionsprojekten, die eine Entspannung der politischen und wirtschaftlichen Lage bringen sollten den Weg für faschistische Diktaturen wie unter Mussolini in Italien, autoritäre Regime wie in Ungarn, Jugoslawien, Polen, Rumänien und dem restlichen Osteuropa oder den Ständestaat in Österreich… Oder schließlich auch das Dritte Reich…
Das Europa der Zwischenkriegszeit wird als eines der Konfrontation, nicht der Kooperation dargestellt und viele Konfliktherde, oft durch den Pariser Frieden, die damit automatisch vorgenommene Unterteilung in Sieger und Verlierer sowie viele strittige Grenzentscheidungen verursacht, beleuchtet.
Dabei wird deutlich, dass die einzelnen Staaten immer wieder mit falschen (oder dem Unterlassen von) Handlungen die Lage noch verschlimmerten. Beim Lesen stellte sich mir häufig die Frage, ob man, wäre man ein wenig von den einzelstaatlichen Interessen, alten Feindbildern oder der Angst vor der Vormachtstellung eines Großstaates abgerückt, nicht so viel Leid hätte vermeiden können. Zahlreiche Möglichkeiten in diese Richtung hätten bestanden – allerdings wurden sie nicht wahrgenommen….
Sehr sachlich wird erläutert, wie der Boden für millionenfachen Tod, Vernichtung, Vertreibung und verheerende Zerstörung bereitet wurde, wobei das Zusammenwirken der Staaten Mitteleuropas – und nicht nur die Entscheidungen eines einzelnen Staates – betrachtet werden.
Gerade diese Betrachtungsweise hat mich neugierig gemacht, denn in der Regel beschränken sich die Bücher, die sich mit der Zeit zwischen 1918-1939 befassen, eher auf Deutschland. Aber natürlich gibt es wesentlich mehr Zusammenhänge, die man auf diese Art nicht verstünde. Ich war überrascht, wie viele für mich sehr neue Informationen dieses Werk daher umfasste.

Der verwendete Schreibstil ist extrem sachlich gehalten, sodass man bereits sehr bald merkt, dass beim Schreiben auf die wichtigen Aspekte der Fokus gesetzt wurde. Mir fiel es anfangs daher schwer, mich in das Buch hineinzulesen, denn entweder waren die Sätze extrem kurz oder äußerst lang gehalten.
Ein Beispiel möchte ich hierfür anführen: „Die lange Liste enthielt das Trentino und Südtirol, Triest, Istrien, Görz und Gradisca, den nördlichen und mittleren Teil Dalmatiens mit den vorgelagerten Inseln, den albanischen Hafen Valona mit dessen Hinterland, den Dodekanes, Libyen und bei einer Aufteilung des asiatischen Territoriums der Türkei das Gebiet von Antalya sowie Kompensationen in Afrika, sollten Großbritannien und Frankreich ihren Kolonialbesitz auf dem „Schwarzen Kontinent“ auf deutsche Kosten erweitern.“ (S.49)
Bei solchen Passagen kam ich zugegebener Maßen ins Schleudern und musste, nachdem ich sie mehrmals gelesen hatte, auch hin und wieder andernorts weitere Erklärungen suchen, da mir für die Lektüre zeitweise doch vorausgesetztes Wissen zu fehlen schien oder ich die Zusammenhänge gerne noch besser erklärt bekommen wollte, um eine bessere Vorstellung vom Gelesenen zu haben oder überhaupt den Abschnitten beim Lesen gerecht zu werden. Eindeutig ist dieses Werk nicht als Einstiegslektüre geeignet, sondern baut auf Vorwissen auf.
Es war sehr spannend, zu erfahren, wie sich die einzelnen Staaten beeinflussten und verhielten, da so einige Entscheidungen nachvollziehbarer wurden. Dabei werden innerhalb der Kapitel Unterteilungen in verschiedene Staaten vorgenommen und außen- und innenpolitische Maßnahmen und Haltungen einander gegenübergestellt.
Wirklich überraschend ist zudem, wie viel Informationen und Wissen auf vergleichsweise wenige Seiten gebracht worden sind, denn immerhin umfasst dieses Buch „lediglich“ 208 Seiten.
„Auch wenn Hitler sein Publikum bei einer Rede am 26. September im Berliner Sportpalast auf eine militärische Auseinandersetzung einschwor, zeigte sich bei anderen Gelegenheiten, dass die Mehrheit der Deutschen offensichtlich keinen Krieg wollte.“ (S.173) Die Entwicklungen werden auf schockierende Art und Weise aufgeführt, sodass man teilweise gar nicht fassen kann, wie viel in derart kurzer Zeit schief laufen kann.
Sehr erschreckend war es für mich zudem, wie viele Parallelen sich zur heutigen Zeit ziehen lassen…

Daher kann ich dieses Werk auch sehr empfehlen, denn, auch wenn es einiges an Wissen voraussetzt und der Schreibstil nicht so ganz zu packen vermag, zeigt „Das Scheitern Mitteleuropas 1918-1939“ von Walter Rauscher wichtige, aber eher weniger bekannte, Zusammenhänge auf. Gerade in Anbetracht der aktuellen Situation ist es sehr wichtig, das Geschehene nicht zu vergessen, sondern zu versuchen, es zu verstehen…

Ich vergebe 4/5 Sternen

4-Sterne

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