📖 Rezension zu: „Die AttentĂ€ter“ von Antonia Michaelis

Cover fĂŒr Die AttentĂ€ter

Bemerkenswert!

Cliff, Alain und Margarete sind auf eine besondere, innige und liebevolle Weise seit sie vier Jahre alt sind verbunden. Damals schon war der zierliche blonde Alain von dem dunkelhaarigen und so andersartigen Cliff fasziniert. Margarete steht als die BodenstĂ€ndige und VernĂŒnftige zwischen den beiden und hĂ€lt sie in der ihnen merkwĂŒrdig fremden Welt fest. Beide drohen fortzufliegen, Cliff mit seinen schwarzen und Alain mit seinen weißen FlĂŒgeln. WĂ€hrend Cliff, in einer zerĂŒttelten und aus den Fugen geratenen Familie lebend, immerzu auf der Suche nach Orientierung und Halt in gewalttĂ€tige Gruppen abdriftet, versuchen Alain und Margarete ihn wieder zu retten. Mal um Mal.
Oft reicht ihm ein Blick in Alains morgenhimmelblaue Augen, deren Reinheit ihn etwas zu besĂ€nftigen vermögen, seine Wut manchmal jedoch noch schĂŒren. Oft reicht Alain ein Blick in Cliffs nachthimmelblauen Augen, um das Dunkle in ihm und sich zu spĂŒren und zu merken, dass er ihm nicht böse sein kann, sondern ihm verzeihen muss.
Die beiden Ă€lter werdenden Jungen sind sich zudem durch eine gemeinsame Leidenschaft sehr nahe, denn beide sind ĂŒberragende Zeichner. Alain gibt dem ihm gerade Umgebenden eine Gestalt auf Papier, Cliff verbannt Erinnerungen detailgenau auf BlĂ€tter, WĂ€nde und Böden. Und wird sie trotzdem nie los. Gesichter, Situationen, die sich vor seinen Augen abermals abspielen und nicht löschen lassen.
Irgendwo zwischen vollkommener GegensÀtzlichkeit und Verschmelzung zu einem Wesen bewegen sie sich mal aufeinander zu, mal voneinander weg. letzteres immer besonders schmerzhaft.

Doch auch die rechten Gruppen, welchen sich Cliff anschließt, sind nicht das, wonach er sucht. Dies findet er spĂ€ter, in einer Moschee. Alain und Margarete hegen bereits Hoffnungen, dass nun alles gut wĂŒrde und ihr Freund endlich seinen Frieden gefunden und friedlich geworden ist. Doch was sie zu dem Zeitpunkt noch nicht wissen – oder wissen wollen – ist, dass sich Cliff von der ruhigen Gemeinde abgewandt hat und stattdessen in radikalen Kreisen verkehrt. Als sie versuchen, ihn zurĂŒckzugewinnen, ist es bereits zu spĂ€t und Cliff hat sich fĂŒr eine gefĂ€hrliche Reise entschieden.
Ein Jahr des Bangens, des Trauerns und der Verzweiflung scheint fĂŒr die beiden in Deutschland zurĂŒckgebliebenen Freunde nicht zu vergehen. Zu der selben Zeit hat man mit Cliff im Nahen Osten Großes vor. Er ist zu nĂŒtzlich, um als Kanonenfutter zu enden.
Als er zurĂŒckkehrt, scheint er sich verĂ€ndert und verbessert zu haben. Aber wie oft hat sein Umfeld schon daran geglaubt und wurde enttĂ€uscht. Und so sind Margarete und besonders Alain, der Cliff doch schließlich ein Schutzendel sein muss, auf der Hut. Egal wie verlockend seine Beteuerungen, er habe mit dem IS nichts mehr zu tun, auch sein mögen, Misstrauen ist gefragt.
Aber können sie einem so geliebten Menschen hinterherspionieren? Um was zu finden? Und wĂŒrden sie ihn verraten, wenn sie etwas fĂ€nden? Könnten sie ihn retten? WĂŒrde alles gut werden?
Dass Cliff in einer WG mit merkwĂŒrdigen Gestalten wohnt, ist noch kein Beweis fĂŒr irgendetwas. Dass er in Berlin umherschleicht, als mĂŒsse er Verfolger abschĂŒtteln, auch nicht. Oder doch?
Irgendetwas hat er vor. Auch wenn er anders geworden ist. Warum ist er zurĂŒck gekehrt? Warum nicht gestorben? Alains und Margaretes Fragen hĂ€ufen sich und werden – wenn ĂŒberhaupt – nur sehr gemach beantwortet; ob sie die Antworten hören wollen, ist eine andere Frage.
Doch bald ist die Ahnung greifbar, dass die Berliner Plastikglitzerwelt des Westens gefÀhrdet ist. Es ist Weihnachten. Zeit der Wunder, des Konsums, der Engel und vielleicht auch der Vergebung.

Wieder einmal ist es Antonia Michaelis gelungen, ein schwieriges und ĂŒberaus ernstes Thema aufzugreifen und viele HandlungsstrĂ€nge zu einem großen Gebilde zu verweben. Das Buch ist abwechselnd aus der Sicht Alains, Cliffs und Margaretes geschrieben, wobei man meistens erst nach und nach bemerkt, wen man gerade begleitet. Dies ist aber keineswegs verwirrend oder störend, sondern macht einem vielmehr bewusst, wie eng die Protagonisten doch mit einander verbunden sind und wie sehr sie sich Ă€hneln. HĂ€ufig wird einem dies auch dadurch bewusst, dass zwischendurch die gleichen Begebenheiten von verschiedenen Charakteren beschrieben werden und es dann einige Überschneidungen in der Sichtweise gibt, die nahe gehen.
Überhaupt sind die Charaktere – wie bereits in jedem Buch, welches ich von Antonia Michaelis gelesen habe – etwas ganz Besonderes. Da man sie von ihrer ersten Begegnung im Kinderalter an begleitet, bei wichtigen Ereignissen dabei ist und so Zusammenhange besser nachvollziehen kann, wirken sie auf erschreckende aber auch beeindruckende Weise real. Wie sonst auch ist es der Autorin gelungen, Figuren zu zeichnen, bei denen die Frage nach gut und böse nicht wirklich beantwortet werden kann. Ist Alain, der in den Augen Cliffs einem strahlendem Engel gleicht, immer nur der Unschuldige? Und vor allem: Ist Cliff von klein auf böse – ist er es ĂŒberhaupt? Oder was hat ihn zu dem gemacht, was er jetzt ist? Leider erfĂ€hrt der Leser hierzu erschreckend viele denkbare Antworten, die es schwer machen, die Schuld einfach auf Cliff abzuwĂ€lzen.
Die Lebensgeschichten von Alain, Cliff und Margarete sind so eng miteinander verknĂŒpft, dass es mich beeindruckt hat. Antonia Michaelis ist es bemerkenswert gut gelungen, ganze Leben voller Tragik, Angst, Wut, Liebe und noch so zahlreichen anderen GefĂŒhlen niederzuschreiben.
Manchmal erschaudert man vor den Charakteren, manchmal kann man sie nicht mögen, manchmal muss man es aber. Antonia Michaelis versteht es auf einmalige Weise auf diese Art den Leser zu verwirren und ihn dazu anzuregen, auch lange nachdem das Buch ausgelesen ist, noch ĂŒber das Gelesene – ĂŒber die Figuren und ihre Taten – nachzudenken.
DarĂŒber hinaus zog mich der poetische Schreibstil schon von dem Beginn des Buches in seinen Bann und die Geschichte hinein. Diese ErzĂ€hlweise lĂ€sst einen erahnen, was die Charaktere bereits durchgemacht haben, erweckt sie zum Leben, haucht den Augen von der Farbe Wassers, welches zu tief ist um ungefĂ€hrlich zu sein, ihr dunkles Leuchten und Leben ein und lĂ€sst einen nicht los. So ist auch „Die AttentĂ€ter“ in dieser besonderen Art und Weise geschrieben, die mir außerordentlich gefĂ€llt und fĂŒr Antonia Michaelis so typisch ist.
Was außerdem zu erwĂ€hnen ist, ist Michaelis‘ HĂ€ndchen fĂŒr Symbole, Anspielungen und Vergleiche. Durch das ganze 488 Seiten umfassende Werk schlĂ€ngeln diese sich und stellen weitere Verbindungen her, was zu dem GefĂŒhl beitrĂ€gt, dass dieses Werk aufs Genauste geplant und ausgearbeitet worden ist.
Ein schönes Detail, welches ich noch erwĂ€hnen möchte ist das Cover. Auch, wenn ich noch immer der Auffassung bin, dass dieses kaum in eine Rezension gehört, lohnt es sich wie schon bei „Niemand liebt November“ einen Blick unter den Schutzumschlag zu wagen.

Meiner Meinung nach ist „Die AttentĂ€ter“ ein erschĂŒtterndes aber bezauberndes Werk. Mit poetischer und packender Sprache entfĂŒhrt es einen in eine einzigartige Geschichte, welche so verschlungen und verwoben ist, dass sie erschreckend echt wirkt und den Leser lange nicht mehr loslĂ€sst. Auch wenn das Ende in einigen Aspekten schon abzusehen war, ist es doch Ă€ußerst gelungen und stellt einen weiteren explosionsartigen Höhepunkt des Buches dar. Antonia Michaelis gelingt es in diesem Werk die Erfahrungen eines AttentĂ€ters, seine Gedanken greifbar zu machen und den Leser zum Nachdenken zu bewegen. Dennoch sollten einem, wie schon bei den vorangegangenen BĂŒchern, Gewaltszenen – wie bereits der Titel erahnen lĂ€sst – nicht allzusehr mitnehmen.

Ich vergebe 5 ĂŒber den Wirren einer Stadt feurig funkelnde Sterne, die ihr Leuchten in alle Richtungen verbreiten!

5-Sterne

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