📖 Rezension zu: „Die sedierte Gesellschaft: Wie Ritalin, Antidepressiva und Aufputschmittel uns zu Sklaven der Leistungsgesellschaft machen“ von Lena Kornyeyeva

Die sedierte Gesellschaft

Schöne neue Welt? Wohl eher nicht…

Schon lĂ€ngst ist es ĂŒblich geworden, jegliches von unserer Leistungsgesellschaft als unerwĂŒnscht aufgefasstes Verhalten unter Einsatz legaler Drogen einzudĂ€mmen, die Menschen zu „optimieren“. So sind inzwischen mehr als achtmal so viele Menschen von verschreibungspflichtigen Medikamenten abhĂ€ngig wie von illegalen Drogen. Lena Kornyeyeva beschreibt in ihrem Buch erschreckende ZustĂ€nde, die bereits bedrohlich viele Gemeinsamkeiten mit Huxleys „schöner neuer Welt“ aufweisen. Einziger Trost hierbei scheint, dass die bewusstseinsverĂ€ndernden Substanzen noch nicht mit dem Trinkwasser verabreicht werden.
Dabei wird an hinterlistigen Methoden, Aufputschmitteln gegenĂŒber kritisch stehende Menschen auch auf den Geschmack zu bringen, nicht gespart. Zu den Medikamenten werden passende Krankheiten gefunden, diese werden mit einem guten Image versehen und schon klingelt die Kasse – und davon profitiert nicht nur die Industrie…
Doch sind die kleinen Helferchen keineswegs so harmlos wie sie erscheinen: Nicht nur, dass hĂ€ufig, russischem Roulette Ă€hnelnd, Nebenwirkungen einfach in Kauf genommen werden, allmĂ€hlich beginnen die „Normalen“ die „Kranken“ zu sein, jeder fĂ€llt in das Raster irgendeiner Erkrankung, unter dem Zwang der ewig fordenden, nie gebenden, Leistungsgesellschaft brechen die Menschen reihenweise zusammen. Die Ursachen zu behandeln nimmt zu viel Zeit in Anspruch, Arbeitsausfall wĂ€re die Folge, also wird lieber die SymptombekĂ€mpfung – oder in diesem Fall -unterdrĂŒckung – vorgezogen. Die Wirtschaft freut es.
Aber wenn Menschen ihren Verstand betĂ€uben und somit entmachten, hat die Entwicklung fort von souverĂ€nen Individuen bereits begonnen und das GefĂŒhl, zu einer fremden Welt zu gehören breitet sich aus.
Dabei ist die Geschichte der Psychopharmaka keine der letzten Jahre: Beispielsweise im Zeiten Weltkrieg wurde Pervitin an Soldaten als „Panzerschokolade“ verabreicht, um sie lĂ€nger leistungsfĂ€hig und angstbefreiter zu machen, um somit ihre Bereitschaft zu töten zu erhöhen. Dass zu dieser Zeit auch Politiker ihren Psychopharmaka-Cocktail einnahmen, verwundert da nicht…
Zunehmend leiden aber auch Kinder unter der ĂŒbereilten Vergabe von Medikamenten. Ritalin, in der Drogenszene wohl auch unter dem Namen „Kinder-Kokain“ bekannt, ist ein solches Beispiel: Schwammige Symptome werden zu einer Krankheit gefasst, obwohl sie keineswegs als krankhaft zu bescheiben wĂ€ren: „AusgeprĂ€gter Gerechtigkeitssinn, auffallend gutes Aufnahmevermögen und GedĂ€chtnis fĂŒr subjektiv Interessantes, bei Interesse extreme KonzentrationsfĂ€higkeit (Hyperfokussierung), spontane Hilfsbereitschaft, EmpathiefĂ€higkeit, FĂŒrsorglichkeit, HypersensibilitĂ€t, KreativitĂ€t, Phantasie, Experimentierfreudigkeit (…)“ (S. 156) – da mag man sich doch den „gesunden“ Menschen gar nicht vorstellen.
„Etwas lĂ€uft falsch mit dieser Welt.“ (S. 217) Ein Satz der meine Gedanken wĂ€hrend und auch nach der LektĂŒre auf den Punkt bringt… Gerade einmal fĂŒnf Jahre alte Kinder, die glauben, ohne Medikamente nicht mehr unter die Leute gehen zu können, sind mehr als alamierend…
Das stĂ€ndige Pathologisieren und Verschreiben bewusstseinsverĂ€ndernder Medikamtente nur um des Funktionierens wegen, sind definitiv der falsche Weg. Allerdings scheinen wir uns bereits in einer sedierten Gesellschaft zu befinden, in der legale Drogen dem Menschen helfen, so zu denken wie gewĂŒnscht – nĂ€mlich unkritisch und nicht reflektiert -, nur das zu tun, was gewĂŒnscht ist, nicht quer zu denken, kein Individuum zu werden. Arbeit vor Selbstfindung. Wie selbstverstĂ€ndlich es ist, Mittel einzuwerfen, um „besser“ zu sein, ist erschreckend: KinderbĂŒcher, in denen kleine KĂ€nguru-Kinder, noch bevor es zu irgendeinem tröstenden GesprĂ€ch kommt, gegen ihre durch den Umzug eines Freundes verursachte Trauer vom Spezialisten, dem starken BĂ€ren, ein Medikament gegeben bekommen, sodass es ihnen durch die tĂ€gliche Einnahme schon bald wieder blendend geht, sind leider genauso leicht zu finden wie Fernsehsendungen, in denen ein Obdachloser, nachdem er Aufputschmittel im Abfall gefunden hat, schon nach kurzer Zeit im Anzug auf sein VorstellungsgesprĂ€ch wartet. Wie frei sind wir da noch?

„Die sedierte Gesellschaft: Wie Ritalin, Antidepressiva und Aufputschmittel uns zu Sklaven der Leistungsgesellschaft machen“ ist ein erschreckendes und erschĂŒtterndes Buch, das ungeschönt zeigt, was wir uns mit dem stĂ€ndigen Leistungsdruck und dem Wunsch nach „Optimierung“ eigentlich antun. Ich bin von diesem Werk schwer beeindruckt und denke, dass es zu diesen BĂŒchern gehört, die – am besten von jedem – gelesen gehören, damit sich doch noch etwas Ă€ndern kann. Kornyeyeva behandelt das Thema in einer derart umfassenden Art, dass man sich der Dringlichkeit und FatalitĂ€t unseres Verhaltens nur zu bewusst wird.
Dadurch dass die Psychologin regelmĂ€ĂŸig Fallbeispiele einstreut, geht das Gelesene erschreckend nah und man möchte sich am liebsten die HĂ€nde vor den Kopf schlagen… Sehr berrĂŒhrend wird es darĂŒber hinaus, wenn das Schicksal von Kindern, die einfach ruhig gestellt werden damit sie nicht so viel Arbeit machen, beschrieben wird, oder wenn gezeigt wird, wie schnell man an die legalen Drogen gelangt: In der Regel reicht ein Arztbesuch. So verwundert es auch nicht dass diese Mittel dreistellige Zuwachsraten im Jahr erzielen und Menschen jeden Alters und Hintergrundes betreffen.
Das Buch hinterlĂ€sst bei mir ein GefĂŒhl der Wut – darĂŒber dass wir – die wir doch offensichtlich betroffen sind – so wenig ĂŒber das Thema informiert werden. Es bleibt zu hoffen, dass sich bald etwas Ă€ndert, denn so geht es sicherlich nicht (gut) weiter.

So möchte ich keine Leseempfehlung aussprechen, sondern vielmehr dazu aufrufen, dieses Buch zu lesen und vergebe 5/5 Sternen.

5-Sterne

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