📖 Rezension zu: „Pici: Erinnerungen an die Ghettos Carei und Satu Mare und die Konzentrationslager Auschwitz, Walldorf und RavensbrĂŒck“ von Robert Scheer

So beeindruckend, dass mir die Worte fehlen!

2014 besucht Robert Scheer seine neunzigjĂ€hrige Großmutter Elisabeth, genannt Pici, „die Kleine“, in Israel, um seine wohlmöglich letzte Chance, etwas ĂŒber ihre Vergangenheit zu erfahren, wahrzunehmen. So erfĂ€hrt er von der Lage der Juden, die sich in der 1940er Jahren in Ungarn zunehmend verschlechterte.
Sehr detailreich erzĂ€hlt sie von ihrer Kindheit und Jugend, davon, wie schwierig es fĂŒr das intelligente MĂ€dchen war, Bildung zu erhalten, von ihren Verwandten, wie Juden immer mehr ausgegrenzt und diskriminiert wurden, Erfahrungen in Ghettos und Konzentrationslagern, Judengesetzen und vielem mehr.
So erhĂ€lt der Leser einen sehr tiefen Einblick in die Erlebnisse einer Holocaust-Überlebenden, die im Holocaust ihre ganze Familie verloren hat.
Dadurch, dass der Leser direkt an dem GesprĂ€ch zwischen Pici und ihrem Enkel teilhaben kann, ist man dem ErzĂ€hlten sehr nahe. DarĂŒber hinaus spĂŒrt man beim Lesen die tiefe Verbindung der beiden, was sehr beeindruckt. Man merkt außerdem immer wieder, wie schwer es Pici, besonders im zweiten Teil des Buches, fĂ€llt, ĂŒber ihre Erlebnisse zu sprechen, manchmal kommt sie ins Stocken oder hat Erinnerungen verdrĂ€ngt. Besonders solche Passagen haben mich erschĂŒttert…
Manchmal springen ihre Gedanken auch, was zunĂ€chst verwirrend, dann aber auch wieder sehr eindrucksvoll ist. Ich bin beeindruckt von ihrem guten GedĂ€chtnis und der Offenheit, mit der sie ihre Geschichte erzĂ€hlt. Robert Scheer stellt ihr dabei immer an geeigneter Stelle ein Frage, hakt nach oder motiviert seine Großmutter zum Fortfahren, sodass man sich immer gut durch das GesprĂ€ch gefĂŒhrt fĂŒhlt.
Gerade diese emotionale Komponente ist etwas, das vielen BĂŒchern zu dem hier behandelten Thema fehlt; oft werden Fakten genannt, Schicksale angerissen, aber kaum Zeitzeugen ĂŒber ihre GefĂŒhle gefragt.
Sehr gelungen sind auch die vielen Fotos, die eingestreut werden, sodass man zu den Schicksalen auch Gesichter im Kopf hat oder sich unmenschliche GrĂ€ueltaten besser vor Augen fĂŒhren kann. Bildunterschriften wie „Nicht arbeitsfĂ€higes „Menschenmaterial“, wie alte Menschen, Kinder, Schwangere, Behinderte wurden an der Rampe selektiert und auf den Weg in das Todeslager Auschwitz-Birkenau geschickt.“ (S.129), Deportationslisten oder Ähnliches bedrĂŒcken zutiefst und vermitteln ein GefĂŒhl des Grauens. Im Anhang finden sich viele zusĂ€tzliche Informationen, die Picis ErzĂ€hlungen stĂŒtzen und GlaubwĂŒrdigkeit verstĂ€rken sollen.

Ich bin von diesem Werk schwer beeindruckt. Lange wusste ich nicht, was ich zu diesem Buch schreiben sollte, denn wie soll man angesichts solcher Erlebnisse die richtigen Worte finden? Auch nun werde ich das GefĂŒhl nicht los, dem Buch nicht gerecht geworden zu sein, weswegen es mir nur ĂŒbrig bleibt, jedem, der sich ĂŒber den Holocaust informieren möchte, dieses Buch zu empfehlen. Sehr nahegehend, eindrucksvoll und informativ wird man durch das Leben einer durch die Jahre sehr weisen und gebildeten Frau gefĂŒhrt.

Von mir gibt es daher 5 Sterne und große Anerkennung.

5-Sterne

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Schaut doch mal vorbei!

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