📖 Rezension zu: „Berlin 1936“ von Oliver Hilmes

Berlin 1936

Ein beeindruckend lebendiges Sachbuch!

16 Tage lang im August 1936, vom 1. bis zum 16.8., bietet sich dem Berlin des Dritten Reiches die Möglichkeit, die Diktatur in den Hintergrund zu rĂŒcken, um sich der Welt bestmöglich zu prĂ€sentieren. Statt zu Hetzschriften wird die Presse zu fairen Berichterstattungen angehalten – weder soll auf Siege Deutschlands verstĂ€rkt hingewiesen, noch sollen sie unter den Tisch gekehrt werden. Vielmehr beeindruckt als abgeschreckt werden rund hunderttausend GĂ€ste durch den großen Aufwand, die sorgfĂ€ltige Planung und den reibungslosen Ablauf. Auch das Aufgebot an eindrucksvollen Inszenierungen ist schon allein bei der Eröffnungsfeier pompös: Erstmalig findet ein olympischer Fackellauf zur Eröffnung statt, der mit einer LĂ€nge von 246 Metern zu den grĂ¶ĂŸten jemals gebauten Luftfahrzeugen gehörende Zeppelin „Hindenburg“ zieht ĂŒber dem Stadion seine Runden, wĂ€hrend unten in der Arena das Olympische Synphonie-Orchester große StĂŒcke vertont. Ebenso viel Arbeit und MĂŒhe wird im weiteren Verlauf der Spiele in eine gute Selbstdarstellung investiert: Von den zahlreichen Kameraleuten, die das Geschehen mit ungewohnt großen GerĂ€ten aus spektakulĂ€ren Perspektiven unter der Regie von Leni Riefenstahl in ĂŒber vierhunderttausend Metern Filmmaterial festhalten, sodass ein zweiteiliger Kinofilm – der Kassenschlager schlechthin – entsteht, ĂŒber das ĂŒberwĂ€ltigende Stadion bis hin zu prĂ€chtigen – sowie teuren – Feiern, scheint alles vertreten, was das Zuschauerherz begehrt. Gleichermaßen ist nicht ĂŒber unzureichende Verpflegung fĂŒr die Athleten aus zahlreichen LĂ€ndern zu klagen:

„Alles in allem verzehrten die Athleten im Laufe der Olympischen Spiele 80.261 Kilogramm Fleisch, 3.047 Kilogramm frischen Fisch, 8.858 Kilogramm Teigwaren, 60.827 Kilogramm Brotprodukte, 58.622 Kilogramm frisches GemĂŒse, 55.220 Kilogramm Kartoffeln, 2.478 Kilogramm Kaffee, 72.483 Liter Milch, 232.029 Eier, 24.060 Zitronen sowie 233.748 Apfelsinen.“ (S. 119)

Die Frage nach den Kosten fĂŒr dieses hochtrabende Ereignis sei besser nicht gestellt…
Aber auch außerhalb des Stadions gibt es in den sechzehn Tagen viel zu erleben, beispielsweise locken Bars und CafĂ©s, in denen die Zeit in den Goldenen Zwanzigern stehengeblieben zu sein scheint, sodass ausgelassenen Feiern nichts im Weg zu stehen scheint.
Wie Touristen, Nazi-GrĂ¶ĂŸen, Sportler, Diplomaten, KĂŒnstler, NachtschwĂ€rmer, Bar- und Restaurant-Besitzer oder Berliner diesen Sommer wahrgenommen haben, erfĂ€hrt der Leser von „Berlin 1936“ hautnah.
Oliver Hilmes nimmt einen auf eine Reise in die Zeit der Sommerspiele mit, zeigt einem die verschiedensten Schicksale auf, sodass man nicht nur Interessantes ĂŒber die Olympischen Spiele, sondern auch durch die Beschreibung neben den Spielen ablaufender Geschichten ein GefĂŒhl fĂŒr die damalige Zeit erhĂ€lt.

Dem Autor gelingt es, verschiedenste Schicksale und Ereignisse, welche sich in nur sechzehn Tagen zutragen, dicht miteinander zu verknĂŒpfen. Dabei fĂŒhrt er einige Personen an, die man eine Weile begleitet, bis sie wieder zu einem spĂ€teren Zeitpunkt aufgegriffen werden. Fragte man sich beispielsweise bei ersten Beschreibungen zu einer Person noch, was diese so besonders macht, dass sie in einem Buch ErwĂ€hnung findet, so wird dies von Seite zu Seite klarer.
Dadurch, dass die Personen derart unterschiedlich sind, bieten sich ebenso abwechslungsreiche Blickwinkel auf die Spiele. Ob die genaue Organisation der Spiele und ihr reibungsloser Ablauf den einen Angst macht, da man befĂŒrchtet, dass bei Kriegsausbruch die Bevölkerung ebenso problemlos zu mobilisieren sei, oder die prunkvolle Darbietung Eindruck macht und auch im Ausland seine AnhĂ€nger findet – sehr facettenreiche Standpunkte werden gezeigt.
Da man immer wieder auf die gleichen Menschen trifft, lassen sich auch Entwicklungen in ihrer Haltung wahrnehmen und man ist dem Geschehen und den Empfindungen als Leser nÀher.
Sehr gut gefĂ€llt mir auch der Aufbau des Buches: Jedem Tag ist ein Kapitel gewidmet, das stets mit einer Fotografie und einem kurzen Bericht des Reichswetterdienstes fĂŒr Berlin beginnt, sodass man sich genau in den Sommer fĂŒhlen kann. Danach folgt man jemandem durch den Tag – beispielsweise begleitet man den Amerikaner Thomas Wolfe auf seinem Weg durch das zu Beginn von ihm so geliebte Berlin – und erfĂ€hrt im Anschluss daran etwas darĂŒber, was im Stadium vor sich geht. Es folgt ein Einschub aus den tĂ€glichen Anweisungen der Reichspressekonferenz, die einen spannenden Blick hinter die Kulissen gewĂ€hren. Im Anschluss daran wird abwechselnd der Tag aus Sportler-, Berliner- oder Politiker-Sicht beschrieben, sehr interessant sind meines Erachtens TagebucheintrĂ€ge, zum Beispiel von Goebbels. So erfĂ€hrt man auch von Auseinandersetzungen oder bemerkt, wo die Fassade zu bröckeln beginnt. Immer wieder werden die Sequenzen und einzelnen ErzĂ€hlstrĂ€nge durch Meldungen des Pressedienstes der NSDAP, der nationalsozialistischen Parteikorrespondenz, Tagesmeldungen der Staatspolizei Berlin (, die deutlich machen, dass die nach außen so mĂŒhsam gespielte Harmonie und Weltoffenheit mit Ende der Sommerspiele ihr Ende finden wird und auch in den sechzehn Tagen der Spiele nicht tatsĂ€chlich nach diesen Werten gelebt oder regiert wird,) und durch AuszĂŒge aus dem Berliner Lokal-Anzeiger aufgebrochen.
So sind die einzelnen Abschnitte angenehm kurz gehalten, was ein flĂŒssig-leichtes Lesen trotz vieler Informationen ermöglicht. Ich konnte das Buch nicht beiseite legen, da es durch seinen romanĂ€hnlichen Charakter einfach so packend geschrieben ist, dass man dem nĂ€chsten Ereignis entgegenfiebert.
Was mir ausgesprochen gut gefĂ€llt, ist darĂŒber hinaus, dass am Ende des Buches noch darauf eingegangen wird, was aus den Menschen, die man immerhin etwas ĂŒber zwei Wochen begleitete, geworden ist. Dieser runde Abschluss hat noch einmal deutlich gezeigt, wer mehr und wer weniger GlĂŒck hatte oder aber auch, welche Wirkung die Olympischen Spiele 1936 auf die Menschen hatten.
Ich muss gestehen, dass ich mich fĂŒr sportliche Ereignisse keineswegs begeistern kann, noch nie ein Fußballspiel oder Ähnliches gesehen habe und mir bekannte, aktuelle Sportler wahrscheinlich an einer Hand abzĂ€hlen kann; dennoch hat mich dieses Buch in seinen Bann gezogen. Denn es ist keineswegs eine Berichterstattung ĂŒber die sportlichen WettkĂ€mpfe, sondern vielmehr ein unfassbar lebendiges Portrait. Ich bin noch immer beeindruckt davon, wie abwechslungsreich das Buch ist und wie sich stets ein roter Faden durch die Handlung zieht, bis sich die ErzĂ€hlstrĂ€nge zu einem gekonnt verwebten Ganzen bilden.
Unbekanntere sowie durchaus populĂ€rere Erscheinungen begleitet man gleichermaßen beim Lesen des Werkes, wobei ich mich bei einigen von ihnen gefragt habe, warum sie nicht bekannter sind, weswegen man nicht um ihr Schicksal weiß… So hat mich das Buch angespornt, weiterzulesen und mehr ĂŒber die erwĂ€hnten Personen – sofern möglich – zu lesen.
DarĂŒber hinaus hat mir „Berlin 1936“ mit seiner informativen, aber sehr packenden, bekömmlichen und verstĂ€ndlichen Art so gut gefallen, dass ich mir vorgenommen habe, die anderen Werke Hilmes‘ ebenfalls zu lesen.

Meines Erachten ist dieses Sachbuch sehr zu empfehlen, sollte man in die Zeit der Olympischen Spiele 1936 eintauchen, sie aus verschiedenen Perspektiven erleben und dabei auch hinter die Kulissen schauen wollen – auch wenn man sich nicht sonderlich fĂŒr Sport begeistern kann, ist diese LektĂŒre sehr spannend und vermittelt, da sie sich eben mit der Zeit an sich und nicht nur den Spielen beschĂ€ftigt, Wissen zu der Diktatur. Ich hatte beim Lesen stets das GefĂŒhl, vom Autor bestens durch die Straßen Berlins geleitet worden zu sein, da alles genau und verstĂ€ndlich erklĂ€rt wurde. Außerdem erscheint es mir so, dass Oliver Hilmes durch lange Recherche ein derart fundiertes Wissen erworben hatte, dass er gekonnt mit Informationen verschiedenster Quellen und Richtungen arbeiten konnte, sodass das Buch auch die ganze Zeit ĂŒber abwechslungsreich war. So untermalen beispielsweise Gedichte, was zuvor ĂŒber die Zeit zum Ausdruck gebracht wurde.

Ich vergebe daher 5/5 Sterne, die sich hell leuchtend, den Olympischen Ringen gleich anordnen

5-Sterne

Hier geht es zur Buchseite -> klick

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