📖 Rezension zu: „Willkommen in Night Vale“ von Joseph Fink und Jeffrey Cranor

Buchdeckel „978-3-608-96137-9

Mein neues Lieblingsbuch!

Willkommen in Night Vale, einem Städtchen in der weiten Wüste Amerikas, einem Städtchen, dass einem irgendwie vertraut vorkommt. Abgesehen von ein paar Besonderheiten natürlich. Aber welche Stadt hat diese denn nicht?
In Night Vale bestehen einige von ihnen beispielsweise darin, dass es verboten ist, Kleidung mit Bergziegen-Aufdruck zu tragen – schließlich sind Bergziegen ein klares Bekenntniss zu Bergen, deren Existenz von der Regierung aufs schärfste bestritten wird.
Außerdem sollte man sich im Kino von Night Vale nicht wundern, wenn man die Eintrittskarten bei Stacy, einem gefühlsbegabten Nebelschleier, kauft.
Auch sollte man wissen, dass grüne Wolken mit lila Streifen nichts ungewöhnliches sind. Keine Sorge: Sie kündigen lediglich Regen an.
Mehr sollte man sich hingegen vor Engeln, deren Existenz von der Regierung ebenso abgelehnt wird, wie die der Berge, in Acht nehmen. Am besten, so die Regierung, man stelle sich Engel als Mörder vor, denn das käme ihrem wahren – nicht existenten – Wesen doch wesentlich näher als die allgemeine Vorstellung von flügelschwingenden Gestalten.
Zur Sicherheit in Night Vale trägt sicherlich bei, dass alle Bewohner ständig von Vertretern einer nebulösen, aber nichtsdestoweniger bedrohlichen Behörde beobachtet werden, die, da ist man sich, einer unbestimmten Ahnung folgend, sicher, irgendwie mit der Weltregierung zusammenhängt. Wenn einem dieses Gefühl des Schutzes noch nicht reicht, könnte natürlich auch in seiner Wohnung nach den von der Geheimpolizei angebrachten Wanzen suchen, um so mit dieser zu kommunizieren. Kann funktionieren, muss es aber nicht. Die Geheimpolizei kann schließlich nicht mit jedem reden.
Abgesehen davon ist jedem in dieser Stadt der Konsum von Radio Night Vale zu empfehlen, um immer auf dem neusten Stand zu sein. Der Nachrichtensprecher, Cecil, berichtet von Verkehr, Wetter, Ungewöhnlichem oder übermittelt Botschaften der Sponsoren. Auch diese sollte man sich nicht entgehen lassen. Sonst wüsste man schließlich gar nicht, weswegen man diese ganzen Produnkte, welche feilgeboten werden, überhaupt brauchen sollte. Oder zu kaufen hat.
Und wer könnte solch ehrlichem und objektiven Journalismus schon widerstehen können, wenn es heißt:

„Wir werden dieser Frage nachgehen, sobald wir vielleicht ein bisschen mehr Interesse für sie aufbringen können. Bis dahin bleiben wir ignorant und so glücklich wie stets. Und jetzt freuen wir uns auf drei werbefreie Stunden Reklame.“

Auch gehören denkende Häuser in Night Vale einfach dazu. Man sollte zwar nicht prinzipiell davon ausgehen, dass ein Haus denken kann – das wäre dann doch ziemlich unsinnig, oder etwa nicht? – aber abzustreiten, dass, rein exemplarisch gewählt, das Haus in dem Diane und Josh wohnen, denken kann, wäre noch absurder. Wenn das Haus an einem langen Tag dann so ins Grübeln gerät, kommt es nicht selten zu solch bahnbrechenden Erkenntnissen wie: „Maulwurfsgrau löst keine Emotionen aus.“ oder „Oh mein Gott – Zeit! Was ist das überhaupt, Zeit?“. Natürlich kann nicht jeder in einem Haus mit einer derart tiefgründigen Persönlichkeit leben – aber – hey! – nicht traurig sein.
Von den Gedanken des Hauses merken Josh und Diane sowieso nichts, immerhin kann man diese nicht sehen. Wo wir gerade bei den beiden sind, können wir sie auch etwas genauer ins Visier nehmen. Man sollte, um sich eine Stadt vorstellen zu können, schließlich auch ihre Bewohner betrachten. Nun, Diane ist eine recht gewöhnliche alleinerziehende Mutter mit einem Bürojob. Josh, ihr 15jähriger Sohn, ist auch ein ganz normaler Jun…- oder eher nicht. Selbst für einen pubertierenden Jugendlichen ist es doch ungewöhnlich ständig seine Gestalt zu ändern. Für Josh hingegen ist das der Alltag. Wie er aber auch aussieht, wie viele Fühler, Hufe oder welche Musterung sein Fell auch aufweisen mag, seine Mutter erkennt ihn stets.
In dieser Geschichte kommen aber nicht nur Josh und Diane besonders häufig und in wichtigen Rollen vor, sondern auch Jackie Fierro trägt maßgeblich zum Geschehen bei.
Sie betreibt mit ihren – seit Jahren – 19 Jahren das einzige Pfandhaus in Night Vale (oder wie auf der Titelseite der neuen Broschüre des Tourismusverbands zu lesen ist: der „Stadt der heimlichen Sünden und des verborgenen Bösen“).
Als sie dort einen Zettel mit der Aufschrift „King City“ verpfändet bekommt und sich jedoch kurz darauf nicht mehr erinnern kann, wer ihr den Zettel gab, beginnt ein Abenteuer, dessen Ausmaße sie sich nicht im geringsten hätte vorstellen können. Etwas ist mit King City nämlich nicht in Ordnung und mit dem Stück Papier schon gar nicht, denn dieses ist durch nichts wieder aus ihrer Hand zu entfernen. Verbrennt es, taucht es kurz darauf wieder auf. Ein Versuch nach dem anderen, es loszuwerden, scheitert hoffnungslos.
So bleibt Jackie nichts anderes übrig als sich den Geheimnissen um King City, Night Vale und deren Bewohnern zu stellen. Eine verwirrende, schmerzhafte, überraschende und an den Nerven zerrende Reise beginnt, die niemanden der Teilnehmenden so lassen wird, wie er sie einst begonnen hat.

„Mintunter vergisst man, was in der Welt Schmerzen empfindet und was nicht.“

Nicht nur einmal bringen sich Diane und Jackie in höchste Gefahren und die jugendliche Pfandhausbesitzerin muss sich mit Personen auseinandersetzen, mit denen sie am liebsten so wenig Zeit wie nur eben möglich verbringen möchte.

„Seufzend beklagte sie die Unterdrückung des gesunden Menschenverstandes, ließ die Hand aber sinken.“

 

In der Regel gehe ich Fantasy-Büchern zwar aus dem Weg, als ich jedoch auf dieses Werk stieß und in die ersten Seiten (und unbewusst dann auch in die ersten Kapitel) hineinlies, war ich mir nicht sicher, ob ich ein grandioses oder ein schlicht und ergreifend einfach total verrücktes Buch entdeckt hatte. Mittlerweile habe ich bemerken müssen, dass das eine in diesem Fall das andere nicht ausschließt.
Von der ersten Seite an war ich von dem herrlichen Schreibstil gefesselt und schier begeistert, wie jeder einzelne Satz auf den Punkt gebracht zu sein schien. Immer wieder habe ich mich gefragt, wie lange das Autorenduo wohl an einzelnen Passagen gesessen haben, wie oft es sie überarbeitet und verbessert haben muss, dass sie so wunderbar genau passen.
Zwar wusste ich nach einer ganzen Weile der Lektüre eigentlich immer noch nicht so ganz, wovon das Buch eigentlich handelt, war aber alleine der Sprache wegen so sehr angespornt weiterzulesen, dass ich es kaum aus der Hand legen konnte. Viele Bemerkungen verwirrten mich oder brachten mich zum Lachen, da die Bilder, welche beim Lesen in den Kopf gepflanzt werden, einfach so absurd sein können und Jackie mit ihren – teilweise sarkastischen – Kommentaren oder ihrem Desinteresse, wenn ein Beamter sie mit Verschwörungstheorien volltextet, einfach genial sind.
Und auch wenn das Buch extrem skurriel ist, ist es am Ende doch schlüssig und rund.
Mich hat „Willkommen in Night Vale“ echt umgehauen, denn alleine schon, wie Joseph Fink und Jeffrey Cranor auf 378 Seiten eine ganz andere Welt erschaffen, die man, auch wenn sie doch so arg anders ist als die unsere, ins Herz schließt und hin und wieder Probleme aus dem ganz normalen Alltag wiederekennt, ist grandios. Auch, mit wie viel Inhalt sie die Seiten gefüllt haben ist mehr als beeindruckend (- ich habe kaum etwas vom inhalt verraten…).
Für mich ist dieses Buch eine unglaubliche Überraschung und seit langem das beste Buch, das ich gelesen habe, sodass ich es einfach nur an jeden – auch wenn man nach der Beschreibung etwas skeptisch sein sollte – weiterempfehlen kann.

Noch völlig außer Atem von den letzten Seiten des Buches vergebe ich 5/5 am Nachthimmel leuchtende – und durch keine Regierung der Welt zu verleugnene oder zu verbietene – Sterne!

5-Sterne

Hier geht es zur Buchseite -> klick

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Schaut doch mal vorbei!

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4 Gedanken zu “📖 Rezension zu: „Willkommen in Night Vale“ von Joseph Fink und Jeffrey Cranor

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