📖 Rezension zu: „Kriegserbe in der Seele“ von Udo Baer und Gabriele Frick Baer

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Sehr interessant und empfehlenswert!

Gerade einmal 70 Jahre ist es her, dass in Europa Krieg herrschte. Der Alltag sah dĂŒster aus; Hunderttausende, wenn nicht Millionen Frauen wurden von deutschen Besatzern vergewaltigt, wurden danach oder dabei getötet, brachten sich spĂ€ter selber um oder mussten mit dieser traumatischen Erfahrung weiterleben. In Deutschland sollen rund 2 Millionen Frauen bei Kriegsende vergewaltigt worden sein (S.100). Aber nicht nur das wurde erlitten, Bomben, SchĂŒsse, Heimatverlust, Flucht und FlĂŒchtlingselend, Hungersnot, Gefangenschaft, Konfrontation mit Tod und dem Verlust von Unversehrtheit und das LoslassenmĂŒssen.
Doch wurden solche traumatischen Erfahrungen nur in den aller seltensten FĂ€llen in irgendeiner Art aufgearbeitet. Viel verbreiteter war es, dass der Mantel des Schweigens ĂŒber die Erlebnisse gelegt wurde, da man weder ĂŒber Ängste noch ĂŒber SchwĂ€che sprach.
Es ist einleuchtend, dass dies nicht ohne Folgen blieb. Seit einer Weile wird die transgenerationale Weitergabe von Kriegstraumata zunehemend diskutiert. Der Begriff meint, dass die Traumata von einer Generation an die nĂ€chste weitergegeben werden, sodass, selbst wenn jemand selber keine Kriegserfahrungen gemacht hat, er solche von seinen Eltern oder Großeltern ĂŒbernimmt.
So kommt es, dass sich unterschwellige GefĂŒhle in einer Person ausbreiten, die diese nicht begreifen, nicht fassen kann, da ihre Auslöser im Dunkeln bleiben. Die daraus resultierende Folge ist, dass in den meisten FĂ€llen Erscheinungen wie plötzliche AngstanfĂ€lle, welche ohne Vorwahrnung ĂŒber einen hereinbrechen, die Schwierigkeit zu trauern, innere Leere, Leistungsdruck, Unsicherheit bezĂŒglich der Heimat oder bezĂŒglich des Frau- beziehungsweise des Mannseins so hingenommen werden, oder bei einem selber die Ursache gesucht wird, jedoch nicht gefunden werden kann.
Zwar, darauf wird mehrfach hingewiesen, lassen sich nicht alle solcher Symptome auf von den Eltern oder Großeltern vererbte Kriegstraumata zurĂŒckfĂŒhren, allerdings sei es oftmals lohnenswert, sich mit dieser Möglichkeit zu beschĂ€ftigen.
Da Kinder sehr empfindsam fĂŒr AtmosphĂ€re sind, nehmen sie die Traumata wie ein Schwamm auf, verinnerlichen sie und bemerken dies nicht einmal. Dann werden diese an die nĂ€chste Generation weitergegeben.
Die Autoren des Buches sehen unsere Aufgabe darin, diesen ewigen Kreislauf zu durchbrechen, damit die folgenden Generationen vor den Folgen des Krieges geschĂŒtzt sind.
Wie dies funktioniert wird in “Kriegserbe in der Seele” erklĂ€rt. Dazu sind mehrere Schritte zu beachten. ZunĂ€chst soll geklĂ€rt werden, ob die Symptome, die man aufweist, wirklich von einer weitergegebenen Kriegserfahrung herrĂŒhren. Dazu werden einige anschauliche Beispiele genannt und durchgesprochen, was fĂŒr mich sehr interessant war. Ich finde den in diesem Buch beschriebenen Ansatz sehr spannend, weswegen mich die Analyse verschiedener Situationen sehr fasziniert hat. Anhand dieser lĂ€sst sich bereits vertrautes Verhalten reflektieren. Außerdem wird gezeigt, wie man Licht ins Dunkel bringen kann, wie man diejenigen, die das Trauma weitergegeben haben, zu einem GesprĂ€ch bringen und was dies bewirken könnte.
Im zweiten Teil wird geholfen, das Irritierende an den Eltern und Großeltern zu verstehen. Es werden wieder sehr verstĂ€ndliche Beispiele gegeben, welche auch realistisch scheinen, hat man doch schon etwas von den ewigen, sich wiederholenden Heldengeschichten oder Ähnlichem gehört. Durch die Beschreibung der verschiedenen Situationen und der ErklĂ€rungsweise Baers und Frick-Baers erhĂ€lt man eine neue Sicht auf zunĂ€chst unverstĂ€ndliches Verhalten. DarĂŒber hinaus werden Hilfestellungen gegeben, wie man sich traumatisierten Eltern oder Großeltern gegenĂŒber verhalten sollte. Des weiteren wird erklĂ€rt, was Schweigen auf Seiten der Eltern oder Großeltern bedeuten könnte und wie man sich verhalten sollte, um dennoch mit ihnen das Erlebte besprechen zu können.
Anschließend wird erklĂ€rt, warum man verstehen kann, aber dennoch nicht verzeihen muss und wie wichtig dies ist.
Daraufhin folgt der dritte Schritt: Den Schritt beiseite zu schaffen. Dazu soll man erst auf das Problem zugehen, um dann Abstand schaffen zu können. Um dies zu erreichen, werden zahlreiche Übungen genannt und erklĂ€rt. Wichtig dabei ist, so wird klar, dass man sich am besten von den Kriegstraumata löst, wenn man diesen Schritt mit Freunden wagt.
Zu guter Letzt wird beschrieben, wie man seine eigene Persönlichkeit wĂŒrdigt und es werden kurze und verstĂ€ndliche Antworten auf hĂ€ufig gestellte Fragen gegeben.

Ich finde den Blickwinkel der Autoren Udo Baer und Gabriele Frick-Baer sehr interessant und ich fand es sehr spannend, mehr darĂŒber zu erfahren. Die aufgezeigten Verbindungen sind einleuchtend und sehr verstĂ€ndlich erklĂ€rt. Auch, dass das Buch sehr objektiv gehalten ist und deswegen auch mehrfach betont wird, dass die gegebenen ErklĂ€rungen keinen Anspruch erheben, auf jede Situation zuzutreffen und dass auch die Übungen nicht immer ihre Wirkungerzielen, gefĂ€llt mir sehr.
Das Buch ist leicht verstĂ€ndlich geschrieben und lĂ€sst sich gut lesen. Die 189 Seiten hat man somit schnell durchgelesen, selbst wenn man Pausen einlegt, um ĂŒber das Gelesene nachzudenken.

Ich kann dieses Buch sehr weiterempfehlen, denn auch wenn es nicht universell auf jeden einzelnen zutrifft, ist die vorgestellte Betrachtensweise sehr interessant und es lohnt sich dieser zu folgen. Außerdem ist es wichtig, wie zu Beginn bereits angesprochen, dass die Traumata nun nicht mehr weiter „vererbt“ werden, wofĂŒr sich dieses Buch sehr gut eignet. Die beiden erfahrenen Therapeuten Udo Baer und Gabriele Frick-Baer haben mit “Kriegserbe in der Seele” den ersten Selbsthilfe-Ratgeber fĂŒr die Kinder und Enkel der Kriegsgeneration geschaffen.

5/5 Sterne

https://liveyourlifewithbooks.files.wordpress.com/2014/08/5-sterne.jpg?w=300&h=61

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